von Manfred Steglich*
17.01.2026
Der „Soziale Wohn-Monitor 2026" des Pestel-Instituts, vorgestellt gemeinsam mit dem Verbändebündnis Soziales Wohnen, legt offen, was in Bremen längst Alltagserfahrung ist: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist strukturell, dauerhaft und sozial hoch brisant. Er ist nicht das Ergebnis kurzfristiger Marktverwerfungen, sondern Folge einer Wohnungspolitik, die sich über Jahre zu stark auf Marktmechanismen verlassen hat.
Die Befunde sind eindeutig
Nach den Berechnungen des Pestel-Instituts fehlen in Bremen rund 13.000 Sozialwohnungen. Der aktuelle Bestand liegt bei lediglich etwa 6.200 Wohnungen. Um den Bedarf zu decken, müsste der Bestand bis 2035 auf rund 19.600 Sozialwohnungen anwachsen.
Dafür wären jährlich rund 1.900 neue Sozialwohnungen erforderlich – nicht zuletzt deshalb, weil jedes Jahr im Durchschnitt etwa 650 Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Tatsächlich entstanden in Bremen zuletzt nur etwas mehr als 400 neue Sozialwohnungen pro Jahr. Der Bestand schrumpft also weiter. Diese Entwicklung ist kein statistisches Randphänomen, sondern Ausdruck eines anhaltenden strukturellen Defizits.
Die soziale Dimension dieses Mangels zeigt sich in den Rahmendaten: Bremen weist bundesweit die höchste Armutsgefährdungsquote auf – 19,7 Prozent, das entspricht 139.000 Menschen oder 70.000 Haushalten. Diesen stehen derzeit lediglich etwa 6.200 Sozialwohnungen gegenüber.
Zugleich fließt im Durchschnitt mehr als ein Drittel des Haushaltseinkommens (34,6 Prozent) in die Gesamtwohnkosten. Allein für die Kaltmiete werden über 30 Prozent aufgewendet. Zwar liegt Bremen damit nicht an der bundesdeutschen Spitze – in anderen Bundesländern ist die Belastung teils noch höher –, doch in Kombination mit der höchsten Armutsgefährdungsquote wird deutlich: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum trifft eine bereits sozial stark belastete Stadtgesellschaft besonders hart.
Bremen im Vergleich: strukturelles Zurückfallen
Der Anteil der Sozialwohnungen am Mietwohnungsbestand beträgt in Bremen nur 2,7 Prozent. Damit gehört Bremen bundesweit zu den Schlusslichtern. Andere Stadtstaaten zeigen, dass es auch anders geht: Hamburg liegt bei 10,3 Prozent, Berlin bei 5,4 Prozent.
Diese Unterschiede sind nicht zufällig. Sie spiegeln langfristige politische Entscheidungen wider – insbesondere die Frage, ob sozialer Wohnungsbau als zentrale öffentliche Aufgabe begriffen oder dem Markt weitgehend überlassen wird.
Kleinrechnen löst keine Probleme
Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, wenn der tatsächliche Bedarf an neuen Sozialwohnungen in Bremen weiterhin auf 200 bis 300 Wohnungen pro Jahr beziffert wird. Diese Einschätzung steht im klaren Widerspruch zu den Befunden der Studie.
Wer den Bedarf kleinrechnet, verschiebt das Problem in die Zukunft – mit der Folge, dass sich der Mangel weiter verfestigt. Der Hinweis des Studienleiters, es handele sich dabei um „Schaufensterpolitik", verweist auf ein grundlegendes Dilemma: Symbolische Regulierung ersetzt keine strukturelle Lösung.
Sozialwohnungsquote ohne Strukturwandel
Auch die im Neubau geltende 30-Prozent-Sozialwohnungsquote in Bremen kann den Rückgang sozial gebundener Wohnungen bestenfalls bremsen. Sie ist kein Ersatz für einen aktiven, dauerhaft angelegten sozialen Wohnungsbau.
Hinzu kommt die ökonomische Realität: Bei Baukosten von 3.600 bis 4.000 Euro pro Quadratmeter ist frei finanzierter Wohnungsbau nur mit sehr hohen Mieten rentabel. Für große Teile der Bevölkerung ist das nicht bezahlbar.
Das Problem beschränkt sich dabei nicht nur auf den sozialen Wohnungsbau. Insgesamt fehlen in Bremen derzeit etwa 13.000 Wohnungen. Bis 2030 werden rund 11.000 zusätzliche Haushalte erwartet – der Bedarf steigt damit auf etwa 18.000 neue Wohnungen in den nächsten vier Jahren, also rund 3.000 pro Jahr. Tatsächlich werden jedoch nur etwa 1.500 bis 2.000 Wohnungen jährlich fertiggestellt. Die Lücke zwischen Bedarf und Realisierung ist auch hier strukturell.
Dass Investoren zunehmend bereit sind, vollständig sozial gebundene Projekte umzusetzen, verweist weniger auf funktionierende Märkte als auf deren Abhängigkeit von öffentlicher Förderung.
Verdrängung und Segregation – die räumliche Dimension der Krise
Der Wohnungsmangel wirkt nicht nur individuell, sondern setzt sozialräumliche Prozesse in Gang, deren Folgen weit über einzelne Wohnbiografien hinausreichen. Steigende Mieten und fehlende Alternativen führen zu Verdrängung – und Verdrängung führt zu Segregation.
Einkommensschwache Haushalte werden systematisch aus gut angebundenen und infrastrukturell starken Stadtteilen gedrängt und in Quartiere mit bereits bestehenden sozialen Belastungen konzentriert. Dieser Prozess folgt einer inneren Logik: Wo bezahlbarer Wohnraum knapp ist, sortiert der Markt nach Zahlungsfähigkeit. Das Ergebnis ist eine zunehmend sozialräumlich polarisierte Stadt.
Die Folgen dieser Polarisierung sind strukturell und langfristig: Segregation bedeutet ungleiche Zugänge zu Bildung, Gesundheit, Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie verfestigt soziale Ungleichheit über Generationen hinweg und produziert sogenannte Quartierseffekte – Benachteiligungen, die sich aus der räumlichen Konzentration von Armut ergeben und diese weiter verstärken.
Für Bremen, eine traditionell kleinteilige und sozial durchmischte Stadt, stellt diese Entwicklung eine strukturelle Gefahr dar. Die soziale Mischung, die lange als städtisches Kapital galt, erodiert. An ihre Stelle tritt eine räumliche Ordnung, die Ungleichheit nicht nur abbildet, sondern aktiv reproduziert.
Besonders betroffen von diesen Prozessen sind Seniorinnen und Senioren sowie junge Menschen. Studierende geben im Schnitt über die Hälfte ihres Einkommens für Miete aus. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, weil Wohnraum fehlt. Gleichzeitig geraten viele ältere Menschen mit niedrigen Renten unter Druck. Wenn Menschen im Alter aufgrund steigender Mieten zum Umzug gezwungen werden, ist das nicht nur eine individuelle Härte, sondern soziale Verdrängung mit System.
Der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum entscheidet zunehmend darüber, wer in dieser Stadt bleiben kann und wer nicht – und damit über soziale Teilhabe, Lebenschancen und politische Gleichheit. Wohnen wird so zur Frage städtischer Integration oder Desintegration.
Konsequenzen für die Wohnungspolitik
Der Soziale Wohn-Monitor 2026 lässt wenig Spielraum für Interpretationen: Der Mangel an Sozialwohnungen ist real, quantifiziert und politisch verursacht.
Für Bremen folgt daraus eine klare Konsequenz: Wohnungspolitik darf sich nicht länger auf das Bremsen von Fehlentwicklungen beschränken. Sie muss aktiv gestalten, den sozialen Wohnungsbau dauerhaft stärken und ihn als zentrale soziale Infrastruktur begreifen – als Voraussetzung für eine Stadt, die sozial durchmischt bleibt und nicht in segregierte Teilräume zerfällt.
Ohne eine grundlegende Kurskorrektur drohen nicht nur steigende Mieten, sondern eine dauerhafte sozialräumliche Spaltung der Stadt mit allen Folgen für sozialen Zusammenhalt, Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe. Die Zahlen der Studie sind daher keine abstrakten Prognosen, sondern ein dringender Handlungsauftrag – für eine Wohnungspolitik, die soziale Durchmischung sichert und Verdrängung verhindert.
* Manfred Steglich ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung. Langjährige Tätigkeit in der empirischen Sozialforschung. Studien zur Sozialpolitik, insbesondere zur Armutsforschung und Segregation. Daneben Arbeit als freier Autor und Redakteur. Website: manfredsteglich.de
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