Zur Debatte um die Umbenennung der Langemarckstraße in Bremen

30.04.2024



In Bremen gibt es eine Debatte um die Umbenennung der Langemarckstraße in Georg-Elser-Allee. Dagegen wehren sich nicht nur die unmittelbaren Anwohner, die sich von der Politik übergangen fühlen. Eine Petition dagegen kann unterschrieben werden. Wir dokumentieren im Folgenden zwei gegensätzliche Stellungnahmen dazu, von Walter Ruffler sowie eine Pressemitteilung der Linken.


Walter Ruffler
Was die Langemarckstraße angeht meine ich, sollte man lieber den Namen beibehalten und eine weitere Erläuterungstafel aufstellen.

1. Ich würde die geplante Umbenennung bedauern, weil dadurch die Erinnerung an ein kriegerisches Gemetzel gelöscht würde, das exemplarisch für herbeimanipulierte Kriegsbegeisterung und die Schrecken von Kriegen überhaupt steht. Die Straße kann als antimilitaristisches Mahnmal begriffen werden, was angesichts von Kriegsertüchtigung inklusive Veteranentag / Heldengedenktag hoch aktuell ist.

2. Georg Elser hat keinerlei Vorbildcharakter für politisches Handeln. Die Schröder/Fischer-Regierung hat zwei Angriffskriege geführt, 1999 gegen Serbien und 2001 gegen Afghanistan. Was hätten wir von Georg Elser in diesen Situationen lernen können? Der Chemnitzer Politologe Lothar Fritze kritisiert, dass Elser nicht Sorge für den Schutz Dritter getragen habe. So kam u.a. die 30jährige Aushilfskellnerin Maria Henle bei dem Bombenanschlag ums Leben, sie hinterließ Ehemann und zwei kleine Kinder. Weil er keine aktuelle Tageszeitung las, war Elser weder bekannt, dass Hitler ursprünglich überhaupt nicht an der Feier im Bürgerbräukeller teilnehmen sollte und der Veranstaltungsbeginn auf 19.00 Uhr vorverlegt worden war. Somit musste die um 21.20 Uhr explodierende Bombe ihr Ziel verfehlen.

3. Verwunderlich ist, dass in Bremen Angehörige von Parteien die Umbenennung der Langemarckstraße favorisieren, deren Parteikollegen in Berlin Kriegseinsätze der Bundeswehr beschlossen haben und eine Kriegsertüchtigung des ganzen Volkes im Sinn führen. Sollten die Bremer Kollegen nicht lieber deren Ansinnen kritisch hinterfragen, statt sich für das Wechseln von Straßenschildern zu begeistern?

4. Johannes Osterkamp von den Grünen und Beiratssprecher Bremen Neustadt begründet die Namensänderung im Weser-Report vom 27.04.2024 folgendermaßen: "Die Umbenennung der Langemarckstraße in Georg-Elser-Allee ist ein bedeutender Schritt in Richtung einer Erinnerungskultur, die nicht nur Vergangenes würdigt, sondern auch gegenwärtige Werte und Ideale reflektiert." Was meint er damit? Zählt er Bombenattentate auf führende Politiker zu den angestrebten Werten und Idealen? Da scheint mir die Botschaft des Namens Langemarck doch klarer und eindeutiger: Derartige Ereignisse sollen nie wieder stattfinden! Und zum großen Teil waren es kriegsfreiwillige Studenten, die offenar kriegsbegeistert ins englische Maschinengewehrfeuer rannten. Auch das eine Mahnung: Wie sehr Kriegspropaganda auch und vielleicht gerade bei akademisch Gebildeten verfangen kann. Das könnte präventiv wirken.



Pressemitteilung der Fraktion Die Linke in der Bremischen Bürgerschaft vom 24.4.24

Umbenennung der Langemarckstraße: Die FDP hat die Entscheidung des Beirats zu respektieren!

Mit einer Petition will ein Bürger auf den letzten Metern des Prozesses die geplante Umbenennung der Bremer Langemarckstraße in „Georg-Elser-Allee“ verhindern. Die FDP-Bürgerschaftsfraktion erklärte jüngst, die Petition zu unterstützen. Bereits im Dezember 2022 hat der Beirat Neustadt einstimmig die Umbenennung der 1,4 Kilometer langen Langemarckstraße beschlossen. Nachdem nun auch die Deputation für Bau und Mobilität dieser Umbenennung zugestimmt hat, fehlt nur noch der Beschluss des Senats.

Olaf Zimmer, Sprecher für Petitionen der Fraktion DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft, kritisiert: „Es ist gerade in Zeiten von Kriegen ein absolut wichtiges Signal, Symbole deutschnationaler und nationalsozialistischer Kriegsverherrlichung demokratisch zu bearbeiten. Genau das hat die Georg-Elser-Initiative mit viel Engagement vorbildlich getan. Der zuständige Beirat hat richtigerweise und einstimmig entschieden: Militaristische Straßenschilder aus der Nazizeit müssen weg, ein antifaschistischer Widerstandskämpfer gehört stattdessen gewürdigt. Alles natürlich eingebettet in die nötigen zusätzlichen Denkorte an die Verbrechen im ersten Weltkrieg, wie sie in Langemarck stattfanden.“

Als Sprecher für Beiräte ergänzt Zimmer: „Ich bin wirklich verstört vom Verhältnis der FDP-Bürgerschaftsfraktion zu den Kernzuständigkeiten der Lokalpolitik in den Stadtteilen! Es gibt ja nur wenige Felder, auf denen die Beiräte entscheiden können, die Benennung von Straßen ist so eins. Der Neustädter Beirat hat die Umbenennung der Langemarckstraße nach langer Abwägung einstimmig entschieden – diese Entscheidung hat die FDP zu respektieren. Alles andere wäre grotesk.“

Die Georg-Elser-Initiative, die sich seit Langem für eine Umbenennung der Straße einsetzt, hat nach eigenen Angaben auch soziale Härten im Zuge von Adressänderungen abgewendet. „Ein stationäres Angebot für kostenfreie Änderungen von Personalausweisen und anderen Dokumenten sowie die angebotene finanzielle Unterstützung bei Härtefällen sind vorbildlich“, lobt Zimmer. Zum Hintergrund Die Allee wurde 1937 von den Nationalsozialisten in „Langemarckstraße“ umbenannt, in Anlehnung an eine von ihnen verklärte Schlacht im belgischen Flandern während des Ersten Weltkriegs („Mythos von Langemarck“). Der neue Namensgeber der Straße dagegen, Georg Elser, war ein antifaschistischer Kriegsgegner und Schreiner, der Hitler mitsamt dem wichtigsten NSDAP-Kader im Münchener Bürgerbräukeller noch vor Beginn des industriellen Massenmordes im Zuge des Weltkrieges töten wollte und dabei knapp scheiterte. Er wurde am 9. April 1945 – einen Monat vor Kriegsende – im KZ Dachau ermordet.

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