Digitalisierung der Schulen

„Digital first, Bedenken second“ (Lindner)
oder
Warnung vor „postmodernen Digitrotteln“ (Teuchert-Noodt) ?



von Peter Köster
22.05.2019



Unserer Gesellschaft ist die Bildung der Nachwachsenden nicht genügend Geld für eine individuelle pädagogische Betreuung wert. Das spricht sich langsam aber sicher herum und findet allmählich auch kritische Beachtung der Parteien, wenn auch bisher fast nur in den Wahlprogrammen. Der globale ökonomische Wettbewerb treibt sie zu dieser Erkenntnis angesichts der Tatsache, dass viele konkurrierende Staaten einen erheblich höheren Anteil ihres Inlandprodukts in die Bildung investieren.

Vielen scheint der
DIGITALPAKT der Schlüssel zur Lösung: Erstmalig beteiligt sich der Bund mit einer nicht unerheblichen Summe an den Kosten des allgemeinen Schulwesens, die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung dafür und ein längeres Gezerre zwischen Bund und Ländern um die finanziellen Modalitäten zwischen Effizienz und Kulturhoheit trugen dazu bei, dass Bildungsfragen, was selten ist, längere Zeit auf den Titelseiten der Zeitungen und an der Spitze der Nachrichten in Funk und Fernsehen landeten. Dabei war die Kommentierung in den verbreitetsten Medien fast durchweg positiv: Wer konnte angesichts des viel beschworenen „Hinterherhinkens“ Deutschlands in der Digitalisierung schon etwas dagegen haben, die Schulen flächendeckend mit den modernsten Medien auszustatten, die längst das Leben in Erwerbsarbeit und Freizeit durchdringen? Und schadet es denn etwa, wenn es den Kassen einer expandierenden IT-Industrie gut tut?

Wie klären die Parteiprogramme der demokratischen Parteien (von „links“ nach „rechts“) in der Bürgerschaft zur Bremenwahl uns darüber auf?

Die Linken konstatieren in ihrem ausführlichen Bildungs-Kapitel, dass in keinem anderen Bundesland der Bildungserfolg so stark vom sozialen Hintergrund der Eltern abhänge wie in Bremen. Sie erklären: „Die Linke ist die einzige Partei in Bremen, die hier konsequent gegensteuern will.“ Die Konsequenzen dieses Anspruches führen sie für fast alle Felder der Bildungspolitik bemerkenswert konkret durch und geben so einen für Fachleute wie Laien lesenswerten Anstoß für eine Wiederbelebung der gesellschaftspolitischen Komponente in der Bildungsdiskussion.

In deutlichem Gegensatz hierzu begnügen sie sich zum Thema der Digitalisierung mit 7 Zeilen sehr allgemeinen Inhalts:

Zudem sind in der heutigen Zeit digitale Kompetenzen und Medienkompetenzen für Schüler*innen unabdinglich. In einer hoch technologisierten Welt müssen die Schüler*innen nicht nur die verschiedenen Arten von Medien kennen, sondern auch den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen erlernen. Auch neue Möglichkeiten der Lehre werden geboten.

Hier findet sich insoweit kein Ansatz zur Problematisierung, allenfalls der „verantwortungsvolle Umgang“ deutet – aber abhängig von der Interpretation - einen solchen an.


Ziemlich nüchtern behandelt die SPD das Thema, das in nur 18 Zeilen des etwa 10seitigen umfangreichen Bildungs-Kapitels abgehandelt wird. Die Notwendigkeit der Behandlung im Unterricht überhaupt wird nachvollziehbar daraus abgeleitet, dass „die Digitalisierung der Lebens- Berufs- und der Arbeitswelt ... bereits in vollem Gange“ sei. Alle Schülerinnen und Schüler sollten daher „die notwendigen digitalen Kompetenzen erwerben können, um informiert und reflektiert den mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen zu begegnen“.

Allerdings will die SPD auch „die Digitalisierung nutzen, um unsere Lehrkräfte zu entlasten und zu unterstützen“, eine Hoffnung, die nicht weiter konkretisiert, schon gar nicht hinsichtlich der Bedenken, persönliche Betreuung könnte hierdurch (noch mehr) beeinträchtigt werden, problematisiert wird.


Die Grünen erhoffen sich einen „konkrete(n) Bildungsmehrwert“, der ggf. immerhin durchklare Sponsoringregeln” alleine “entscheidend” sein soll gegenüber einer bloßen Kostenersparnis. Der freien Software soll dabei der Vorzug gegeben werden. Ein gewisses Problembewusstsein lassen sie erkennen, wenn sie von “Chancen und Risiken” der Digitalisierung sprechen, auch wenn uns das in dieser Allgemeinheit an leidige Erörterungsthemen aus der eigenen Schulzeit a la “Technik - Fluch oder Segen?” erinnert. Entsprechend postulieren sie “Ausgewogenheit”, so dass “neben der Vermittlung von Digital- und Medienkompetenz auch eine Befähigung zur kritischen Medienmündigkeit” erfolgen soll.


Geradezu enthusiastisch äußert sich die CDU . Die Digitalisierung müsse „als Zukunftsthema selbstverständlich auch in die Schulen rein“; die Partei freut sich, dass „Bremen auf Grund seiner Kleinheit hier mit Leuchtturmprojekten Taktgeber werden“ könne, was mich an das „Versuchslabor“ unseligen Angedenkens des Dr. Scherf erinnert (vgl. den Längsschnitt-Artikel zur „Bildungspolitik in Bremen“ auf dieser Website).

Die Digitalisierung ist nach Meinung der CDU „mehr als eine technische Innovation: Sie eröffnet Chancen und Möglichkeiten für ein individuelleres und ein anderes Lernen“ und sei „dabei kein bloßer ‚Inhalt‘ oder ‚Fach‘, sondern ... ein methodisches Unterrichtsmerkmal, das Unterrichtsgestaltung, Materialien und Kommunikation verändern wird und nach unserer Auffassung schon in der Grundschule spielerisch eingeführt werden sollte“. Die Problematisierung des ohnehin gerade auch die Sechs- bis Zehnjährigen geradezu überschwemmenden Gebrauchs digitaler Medien durch warnende Fachleute wird nicht aufgegriffen. Folgerichtig will die CDU „in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften einen Schwerpunkt bei Lehrmethoden legen, die digitale Mittel systematisch nutzen und einbeziehen“.

Zusammen gefasst fordert die CDU forsch: „Bildung in Bremen muss ein Schrittmacher der Digitalisierung und damit ein Standortfaktor werden.“ Die marktkonforme Schule analog der von der Kanzlerin geforderten „marktkonformen Demokratie“ lässt grüßen.

Nicht nur für diesen Zweck will die CDU ein ganzes „Senatsressort für Digitalisierung“ schaffen, das offenbar alle anderen senatorischen Behörden auf digitalen Vordermann bringen soll. Man fragt sich, ob diese bürgerliche Partei in dieser Frage endgültig jeder wertekonservativen Komponente abschwören und sich vollends der strukturkonservativen Anpasssung an die - finanzkapitalistisch angetriebene - technische Entwicklung hingeben will.

Zwar erhebt die CDU routinemäßig auch Forderungen aus dem Arsenal der alten Paukschule wie die nach lückenloser Ziffernbenotung mindestens ab Klasse 3 und pampert weiter ihre Lieblings-Schulform Gymnasium, das erscheint allerdings vergleichsweise schon eher wie lustlose Traditionspflege.


Hier nimmt die Bremer FDP, eigentlich der CDU natürlicher Verbündeter aufgrund einer strukturell ähnlichen Wählerschaft der relativ Besitzenden, eine andere Gewichtung vor und folgt darin auch keineswegs ihrem Bundesvorsitzenden Lindner mit seinem bekannten Motto „Digital first, Bedenken second“.

Die Partei setzt dabei allerdings eher überhaupt ihr scheinprogressives Image aufs Spiel mit markigen allgemeinen Beschwörungen von herkömmlichen Grundfertigkeiten und Sekundärtugenden, die man eher bei der AFD vermutet hätte. Sie fordert nicht nur wie die CDU die Ziffern-Benotung ab der 3. Klasse, um die „Vergleichbarkeit der schulischen Leistungen zu gewährleisten. Letzteres geht nur (!) mit Noten.“ Die Forderung, „korrekte Rechtschreibung“ solle „einen höheren Stellenwert erhalten“, gipfelt in der unfreiwillig komischen Vorstellung, diese könne „vom ersten Schultag an korrigiert werden“. Womöglich zur Abschreckung vorwitziger Versuche von Kindern, wie z.B. bei „Fridays for future“ öffentlich wirksam zu werden, wird dekretiert: „Texte, die in der Klasse ausgehängt werden oder auf andere Art und Weise öffentlich gemacht werden dürfen keine Rechtschreibfehler enthalten“ (übrigens auch im Original ohne Komma nach dem eingeschobenen Relativsatz).

Allen Ernstes macht sie zu einem heraus gehobenen Punkt ihres Bildungskapitels schlankweg „die Wiedereinführung des Wiederholens“ . Dieses müsse als „Sanktionsmittel und Motivationshilfe“ eingesetzt werden: Man müsste also versuchen, sich die Lernenden gegenüber dem „wieder eingeführten“ Wiederholen (von was eigentlich und wie?) als mal dadurch eingeschüchterte und dann wieder sich danach sehnende vorzustellen versuchen. Mir schiene das allenfalls für Kinder möglich, die durch autoritäre Zurichtung ihren genuinen Bedürfnissen völlig entfremdet wären, insbesondere ihrer Neugier.

Diesen konkreten Herzensangelegenheiten gegenüber wirken die Beteuerungen, die „Digitalisierung in der Bildung“führe zu mehr Chancengerechtigkeit und Selbstbestimmung, unabhängig von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten“,und die FDP werde das Land Bremen „zu einem bundesweiten Vorbild der digitalen Transformation im gesamten Bildungsbereich machen“, reichlich plakativ und irgendwie bemüht. So werden sie gleich danach relativiert, wenn von einer „Gratwanderung zwischen analoger und digitaler Autonomie“ die Rede ist und konstatiert wird: „Tabletts (sic!) im Unterricht alleine reichen eben nicht aus, um unsere Kinder fit für das Leben zu machen“. Nimm das, Digitalpakt!

Das hier durchscheinende Unbehagen erscheint mir noch das Beste am etwas wunderlichen Bildungsteil unter dem ulkig marktschreierischen Titel: „Weltbeste Bildung für Bremen“, der auch durch das Klauen des Begriffs „Leuchtturm“ beim großen Bruder CDU (oder war es umgekehrt?) wohl kaum aufgehübscht wird.

Das eigentliche konkrete Anliegen dieser Klientelpartei wird offenbar unverändert deutlich in den wiederholten Forderungen nach zwei zusätzlichen Gymnasien und noch erhöhter staatlicher Förderung von privaten Bildungseinrichtungen. Alles andere Gerede, was hier so widersprüchlich und eigenartig unstrukturiert ausgebreitet wird, ist demgegenüber anscheinend – wenn überhaupt - Verhandlungsmasse.


Zwischen-Fazit: Letzten Endes zeigt sich keine Partei auf der Höhe einer zunehmenden Diskussion über die Gefahren des übermäßigen Konsums digitaler Medien von Kindern und Jugendlichen, vor denen immer mehr Fachleute nicht nur aus der Psychologie, Philosophie und Pädagogik, sondern interessanterweise auch aus den Naturwissenschaften warnen.


Sollten aber Bildungspolitiker nicht mindestens ebenso informiert sein darüber wie z.B. Bill Gates (Microsoft), Steve Jobs (Apple) oder Jeff Bezos (Amazon), die laut Paula Beckmann „ihren eigenen Kindern erst mit 14 Jahren oder noch später die ersten eigenen Bildschirmgeräte erlaubt haben“? Muss man erst wie ausgerechnet der Tesla-Chef Elon Musk die reichlich alarmistische These auf den Markt werfen, die ganze Künstliche Intelligenz sei schlimmer als die Atombombe, um Gehör zu finden?

Wer erste Einblicke in solche Gefahren von wissenschaftlicher Seite gerne provokativ haben will, kriegt das z.B. kompetent geliefert im Interview »Wir machen aus unseren Kindern Psychopathen« mit der streitbaren Neurobiologin und Hirnforscherin Gertraud Teuchert-Noodt aus der Jungen Welt v. 19.01.2019 mit dem Untertitel „Über Hirnschäden durch digitale Medien, ‘notreifende’ Smartphonejunkies und Schulen als Lernvereitler“. Eine längere Fassung dieses Interviews mit direkteren Bezügen zum Digitalpakt finden Sie auf den Nachdenkseiten: https://www.nachdenkseiten.de/?p=49485; auf https://www.nachdenkseiten.de/?p=46702 können Sie ein Video von einem Vortrag der Autorin mit anschließender Diskussion sehen; vgl. auch die von ihr zusammen gestellte Liste von weiteren Links zum Thema unter https://www.nachdenkseiten.de/?p=46814.

Laufend mit sprachlich klaren - wenn auch für Laien wie mich auf Anhieb nur teilweise verständlichen - fachlichen Begründungen aus der Gehirnforschung vertritt sie die These: Wenn wir den Karren so weiterlaufen lassen, wird das eine ganze Generation von digitalisierten Kindern in die Steinzeit zurückwerfen.“

Die mit der frühzeitigen Begegnung mit dem Smartphone sich entwickelnde Sucht vergleicht sie mit der in früheren Zeiten auf dem Lande häufig üblichen Beimengung von Mohn zum Milchfläschchen zur Ruhigstellung bei der Feldarbeit mit der Folge: Derart verdummte Kinder liefen dann als Dorftrottel durchs Leben.“

Nun gelte: „Was einst der Mohntrottel war, ist heute der postmoderne Digitrottel.“ Den aufmerksamen Blickkontakt mit der Mutter beim Trinken, entscheidend für die Herausbildung der Mutter-Kind-Prägung und damit altersgemäßer Schlüssel-Hirnverbindungen, verhindert deren konzentrierte Beschäftigung mit dem Smartphone in ihrer Hand. Das wird dann zum blinkenden und farbenspielenden Objekt der Begierde für das durch Nachahmung lernende Kleinkind selbst, das - womöglich zum Entzücken der Eltern - ziellos damit herum spielt. Es ist, so Teuchert-Noodt, bereits „auf das Gleis der Lernbehinderung und Suchtentstehung“ gestellt.

Später differenziert sich die „Attacke auf die Chemieküche im Gehirn des Kindes, wenn es sich in die digitale Welt begibt“, weiter aus, weildie “Verlockungen, aus Raum und Zeit herauszutreten“, überwältigend sind. So tritt an die Stelle der Repräsentanz stimmiger sinnlicher und bewegungsmäßiger Erfahrungen mit Zeit und Raum - entscheidend für eine leistungsfähige Vernetzung aller Gehirnregionen - „pathologische Nervennetzbildung“, die bis zu psychotischen Entwicklungen gehen kann. Die „Cyberattacke auf Hirnfunktionen“ hinterlasse im Gegensatz zu Fehlern in technischen Einrichtungen Zustände, die „nie mehr wirklich repariert werden“ könnten, weil sie „reifende Nervenzellen oder Netze nicht kaputt“ mache, sondern eben durch pathologische Strukturen in Permanenz ersetze. Beobachtbare Folgen der Unterversorgung namentlich des Stirnhirns, Träger der höchsten Funktionen, sind: „Das Arbeitsgedächtnis versagt, womit auch Aufmerksamkeit und Gedächtnisbildung versagen. Das Kind wird aggressiv, schläfrig, lernbehindert. Angst und Stress können nicht kontrolliert werden.“

Teuchert-Noodt kämpft bedingungslos gegen das Tablet im Kinderzimmer, das „das Kind in eine digitale Zwangsjacke“ versetze. Es setze „eine Kaskade von Behinderungen“ ein, z.B.: „Das Sprechenlernen verzögert sich, die Händchen können ihre Fähigkeit nicht entfalten, einen Mal- oder Schreibstift zu halten.“

Daraus ergibt sich die Forderung: „Finger weg vom Smartphone! Und das nicht nur in den Schulstunden, sondern komplett. Denken wir an die Suchtgefahr. Denken wir an die reifenden Lebensadern, die aus analoger Aktivität gespeist werden. Denken wir an die Neuroplastizität der Hirnrinde, die nur über gezielte Aktivitäten angespornt wird. Das Smartphone ist verschenktes Menschenleben.“

Gefragt nach dem Digitalpakt und „wortreichen“ Beschwörungen eines „vernünftigen“ Umgangs mit der Digitalisierung, antwortet Teuchert-Noodt:

Einen »vernünftigen« Umgang mit digitalen Medien kann es im Kindes- und Jugendalter einfach nicht geben, sagt die Hirnforschung. Erst Studenten können es schaffen, »verantwortungsvoll« mit Medien umzugehen, wenn sie zuvor einen analogen Schulabschluss hingelegt haben.“

Eine Kindheit ohne Medien wäre in dieser Sicht der beste Start ins digitale Zeitalter“ (Spitzer); demgegenüber eine Kindheit mit digitalen Medien ... der beste Start in einen Burnout – im Erwachsenenalter“.


Wer es lieber gemäßigter - und dafür spezieller auf die Aufgaben der Schule bezogen - hat, halte sich z.B. an das kürzlich erschienene Interview mit Paula Bleckmann, Diplom-Biologin und Medienpädagogin, in der Frankfurter Rundschau v. 7.5.2019 unter dem Titel: „Eine Grundschule ohne Tablets ist das Gegenteil von weltfremd“

Der fast selbstverständliche Ausgangspunkt der Autorin ist: „Nachhaltiges Lernen, Dinge wirklich verstehen, sie durchschauen und gestalten zu können, das setzt bei jungen Menschen echte Erfahrungen voraus. Die Basis dafür liegt nicht am Bildschirm, sondern im echten Leben.“ Daran anschließend erklärt sie, dass die vorschnelle Freude mancher Didaktiker in die Irre geht darüber, dass Computerprogramme wie Vokabeltrainer mit eingebauten „Belohnungen“ scheinbar die Motivation zum Lernen erhöhen, indem sie den Unterschied von extrinsischer und intrinsischer Motivation erläutert:

Vokabeln werden langfristig dann für das Bewusstsein verfügbar, wenn die Belohnung im Lernen selbst liegt. Wenn beispielsweise Vokabeln für die erwünschte Korrespondenz mit einer englischen Brieffreundin gelernt werden, liegt die Belohnung so sehr in der (gelungenen) Sache selbst, dass der momentane Bedürfnisaufschub infolge der Anstrengung gerne geleistet und gelernt wird. Die Apps aber „basieren auf dem Prinzip der Sofort-Belohnung. Sie führen dazu, dass die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub verlernt oder erst gar nicht erlernt wird.“

Die Autorin referiert ein Experiment („Marshmallow-Experiment“), in dem kleine Kinder unterschieden wurden in Hinsicht auf ihre Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub im eigenen längerfristigen Interesse. Ein nochmaliger Test nach Jahren ergab folgende Ergebnisse für diejenigen, die schon früh Bedürfnisaufschub leisten konnten: Sie „waren sozial kompetenter, in der Schule besser und beliebter, hatten bessere Chancen im Job und waren insgesamt zufriedener.“

Bleckmann befürwortet nicht ein „absolutes Tabletverbot an Grundschulen“, spricht allerdings von einem „ ‚Digital-Zwang‘ an Grundschulen, der de facto durch den Digitalpakt entsteht“. Dieser „verschlimmert die digitale Reizüberflutung“. Ein paar Stunden Vokabel-App seien „dabei nicht das Schlimmste, sondern die Botschaft, die gerade in bildungsfernen Familien ankommt: Tablets sind gut fürs Lernen“, so dass spätestens jetzt eins für zu Hause her muss.

So verlängern sich noch die „Bildschirmzeiten“ mit gravierenden Folgen: Nicht nur könne es zu Bindungsstörungen kommen. „Noch besser belegt sind … Schlafstörungen, eine verzögerte Sprachentwicklung, Verlust an Empathie, schlechtere Schulleistungen, Haltungsschäden, Kurzsichtigkeit, Konzentrationsstörungen, suchtartige Nutzung.“

Gegenüber der Befürchtung, eine Schule, die auf den systematischen Einsatz digitaler Medien verzichtet, errichte womöglich eine „weltfremde“ Parallelwelt, wendet Bleckmann ein: „Wir sprechen über Kinder, die draußen einen Schmetterling sehen und über die Fensterscheibe wischen, um ihn zu vergrößern. Und wenn das nicht klappt, denken sie, die Fensterscheibe ist kaputt. Das nenne ich ‚weltfremd‘.“


Kommen wir auf den Ausgangspunkt zurück:

Wollen die Parteien nicht langfristig noch mehr Vertrauen bei den Wählern und noch mehr Respekt bei kritischen Wissenschaftlern verlieren, sollten sie endlich – jede auf ihre Weise – damit beginnen, sich mit der hier angerissenen Problematik zu beschäftigen.

Vielleicht wäre ein echter Dialog mit den Praktikern an der Basis ein guter Anfang: Jeder Lehrer kennt den Sog, der von der Bereitstellung neuer Medien unweigerlich ausgeht, sie zu benutzen - bis sich ggf. ihre Untauglichkeit heraus stellt wie bei den Sprachlabors des späten 20. Jahrhunderts, die wohl überall längst wieder zu normalen Klassenräumen umgewidmet sind, in denen Menschen miteinander reden. Beim Digitalpakt allerdings handelt es sich nicht nur um die Einführung neuer Geräte, sondern ein ganzes Paket veränderter, an diese angepasster neuer Methoden und Zielvorstellungen und auch bisher ungeahnter Kontrollinstrumente zu deren strikter Einhaltung, darunter zentral handhabbare. Ein bloßes „Wiederverschwinden“ erscheint unmöglich. Für den, der tiefer über die vermutlichen Hintergründe des viel gepriesenen Digitalpakts und die Folgen für die Lehrertätigkeit nachdenken will, empfehle ich das mit vielen konkreten Informationen gespickte Interview mit dem sachkundigen Pädagogen und Medienwissenschaftler Ralf Lankau unter https://www.nachdenkseiten.de/?p=50213.


Vielleicht interessiert die Politiker ja wenigstens aus Eigeninteresse die explizit politische Warnung der streitbaren Teuchert-Noodt:

Heutzutage sind 90 Prozent der Jugendlichen täglich über sechs Stunden mit dem Smartphone zugange. Wenn bald nur noch Psychopathen rumlaufen, führt das zur Abschaffung der Demokratie.“

Wem die Warnung vor so vielen „Psychopathen“ in der Zukunft eine übers Ziel hinaus schießende ganz unzulässige Provokation zu sein scheint, der sollte sich vor Augen halten, dass die heute schon beobachtbaren und untersuchten Tendenzen ja noch nicht mal Jugendliche betreffen, deren Eltern von Anfang an schon in der beschriebenen Weise Smartphone-affin bis -süchtig sein konnten: Das Heer von früh und daher besonders nachhaltig Geschädigten käme ja, so die Warnungen zutreffen, erst noch in voller Wucht - neuerdings durch die Schule noch befeuert? - auf die Gesellschaft zu.

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