An der Seite der Schwachen und Friedfertigen
Christ, Antifaschist und Pazifist – Der Friedenspfarrer Hartmut Drewes und die Bremer Friedenspolitik


von Helmut Donat*
17.04.2026


Sein Engagement für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit war mehr als außergewöhnlich. Nie hat er sich in den Vordergrund geschoben. Ihn zeichnete ein waches, offenes Ohr für Leidende und ungerecht behandelte Menschen aus. Man spürte, wie ernst er es damit meinte und dass er authentisch war.


Mahnwache des Friedensforums Bremen zur EKD-Synode am 2. November 2008 vor dem St. Petri Dom, Bremen.
V.l.n.r: Armin Stolle, Ursula Prahm, Ingeborg Kramer, Hartmut Drewes © Donat Verlag

Es gibt in Deutschland eine unselige Tradition, eine Kontinuität der Hochschätzung von Macht und Gewalt und eine Geringschätzung von Ethik und Moral. Damit verbunden ist eine Haltung, die dem Militärischen größere Bedeutung zumisst als dem Denken in zivilen Kategorien. Gegen die Dominanz des Militärischen über die Politik haben sich in der jüngeren deutschen Geschichte Persönlichkeiten wie Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Ludwig Quidde, Friedrich Wilhelm Foerster und viele andere früh gewandt: unmissverständlich, mutig und im Geiste republikanischen Freiheitsdranges. Für diese Freiheit und das Recht, das Militär überall dort in die Schranken zu weisen, wo es sich anmaßt, dem Menschen seine Würde zu rauben, haben sie ihre Stimmen erhoben – wider Kadavergehorsam und Knechtseligkeit, gegen Militärfrömmigkeit und Militärpatriotismus. Gleiches gilt für die zivilen Gefolgsleute, insbesondere aus intellektuellen Kreisen, die sich zumeist noch schlimmer und vehementer im Freund-Feind-Denken gebärden als die Herren in Uniform.

Als „Friedenshetzer“ verleumdet 

Für ihren aufklärenden Widerstand sind die Vertreter der Friedensbewegung verächtlich gemacht, ausgegrenzt, verfolgt, ins Exil getrieben oder gar ermordet worden, wie etwa der Kapitänleutnant a.D. Hans Paasche im Mai 1920. Er wollte die am Ersten Weltkrieg und dessen unnötiger Verlängerung verantwortlichen Politiker und Militärs vor Gericht stellen und ihrer weiteren öffentlichen Wirksamkeit einen Riegel vorschieben. Von da ab war er – wie es einige Wochen Kurt Eisner vor seiner Ermordung prognostiziert hat– nur noch ein „Toter auf Urlaub“.

Ähnlich erging es den „Friedenspfarrern“, die sich als evangelische Pastoren in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), als katholische Geistliche im Friedensbund Deutscher Katholiken oder als religiöse Sozialisten und „Freigeister“ gegen Aufrüstung und Militarismus sowie für Frieden und Überwindung des Freund-Feind-Denkens engagiert haben. Viele Namen wären hier zu nennen. Stellvertretend sei der Stuttgarter Stadtpfarrer Otto Umfrid (1857-1920) hervorgehoben. Seit 1900 Vizepräsident der DFG, war die Gründung zahlreicher Ortsgruppen in Württemberg seinen unermüdlichen Aktivitäten zu verdanken. Unbeeindruckt von Schmähungen und Schikanen durch Behörden setzte er sich in Vorträgen, Artikeln, Aufsätzen und Schriften mit dem preußisch-deutschen Militarismus auseinander, klärte über das Wesen des Krieges auf und verlangte in seinem „Völkerevangelium“ (1910) die Abschaffung des Krieges durch eine internationale Friedensordnung. Insbesondere warnte Umfrid, von seinen Gegnern als „Friedenshetzer“ verleumdet, vor den nationalistisch-imperialistischen Bestrebungen deutscher Weltpolitik, trat mit seinem „Arbeiterevangelium“ für soziale Gerechtigkeit ein, forderte eine Verbesserung der Lage des Proletariats und bekämpfte militaristische Vereinigungen wie den „Wehrverein“ als friedensgefährdend für das deutsche Volk. Bei den Kirchenoberen stießen Umfrid wie die anderen Friedenspfarrer auf Ablehnung. Erst recht, als sie sich im Ersten Weltkrieg für einen raschen Verständigungsfrieden und gegen den annexionistischen Wahn wandten. Ihre Diffamierung ging mit der von Pazifisten einher, die man als „Landesverräter“, „Geisteskranke“, „Friedensschwärmer“, „utopistische Traumtänzer“ und „Zweck-, Gesinnungs- oder aggressive Pazifisten“ beschimpfte.

Daran änderte sich auch nach 1918 und in der Weimarer Republik kaum etwas. Und heute? Die Rehabilitierung der Pazifisten, der unehrenhafte Niedergang der Militärs und das Fiasko deutschen Eroberungswahns 1945, bereits in der Zeit des Kaiserreiches ausgeprägt, ist längst vergessen gemacht. Töne wie die Schlag-zu-Parole von Reichswehrminister Groener aus dem Jahre 1928: „Nur ein wehrhaftes Volk kann sich behaupten“, feiern heute fröhliche Urständ. Die Rüstungsindustrie, in Deutschland noch nie von einem wirklichen Verteidigungswillen beseelt, ist zum Garanten des Friedens avanciert. Schon bald wird es, wenn die Zahl der Kriegsdienstverweigerer wieder in die Höhe schießt, um die „Beeinträchtigung der Wehrkraft und des Wehrwillens der Nation“ gehen und darum, dem „Defätismus aller Art“ den Garaus zu machen.

Bremer Tradition 

In Bremen, einst „Herberge der Kirche“, fanden Pfarrer, obwohl anderenorts wegen ihrer abweichenden Auffassung in Glaubensfragen in Schwierigkeiten geraten, Bleibe und Gehör. Der Protestantismus in der Hansestadt, weit entfernt von einer Dogmenkirche, bot freigeistigen Pastoren eine Heimstatt und Perspektive. Zu ihnen gehörte Albert Kalthoff, 1895 nach einem Vortrag des späteren Friedensnobelpreisträgers Ludwig Quidde Gründer der Bremer DFG-Ortsgruppe. Als er 1905 auch noch die Präsidentenschaft des pazifistisch orientierten Deutschen Monistenbundes übernahm, der zudem ein rein naturwissenschaftliches Weltbild propagierte, suchten seine orthodoxen Kollegen den „Leugner“ des historischen Jesus aus dem Amt zu vertreiben. Das hinderte die St. Martini-Gemeinde nach dem plötzlichen Tod Kalthoffs aber nicht, Emil Felden, Freund und Studienkollege Albert Schweitzers, zu seinem Nachfolger zu ernennen. Felden machte aus St. Martini zielstrebig eine Arbeitergemeinde. Zudem hielt er mit seiner Kritik an Sitten und Gebräuchen wie der Taufe nicht zurück und schlug andere Formen christlicher Religiosität vor. Im Ersten Weltkrieg gehörte er neben Friedrich Steudel von der St. Remberti-Gemeinde und Otto Umfrid zu den einzigen deutschen Pastoren, die sich der pazifistischen „Zentralstelle Völkerrecht“ anschlossen und deren Aufruf für ein rasches Ende des Krieges unterzeichneten. In der Weimarer Republik wandte sich Felden wie kein evangelischer Pfarrer reichsweit gegen den Judenhass, hielt Vorträge in den Hochburgen des Antisemitismus und klärte mit selbst verfassten Loseblattsammlungen über die NS-Ziele auf. 1933 aus seinem Amt getrieben, war er Verfolgungen ausgesetzt.

Im Widerspruch zum Nazistaat und zur offiziellen Kirche stand auch Gustav Greiffenhagen, Pastor an der St. Stephani-Gemeinde und Gründungsmitglied der Bekennenden Kirche in Bremen. 1934 geriet er in „Schutzhaft“. Ungeachtet des Verbots der Amtsausübung führte er Gottesdienste in Privathäusern durch. Dem Bruderrat der Bekennenden Kirche kehrte er, weil dem NS-Staat gegenüber zu willfährig, 1936 den Rücken. Nach 1945 wieder an St. Stephani (bis 1967), rief er dazu auf, „den Geist Jesu Christi gegen Militarismus und Antikommunismus im Verzicht auf Feindbilder, Gewalt (Kriegsdienstverweigerung) und in Feindesliebe zu bewähren.“

Auch Johannes Oberhof, 1948-1950 Pastor an der St. Martini-Gemeinde, wollte die Schuld der deutschen Reichsleitungen am Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht verdrängen. Er sprach sich scharf gegen die Wiederbewaffnung aus und warf der Kirchenführung vor, nichts aus den Weltkriegen gelernt zu haben und Adenauers Pläne zur Wiederaufrüstung zu unterstützen. Oberhofs Teilnahme an dem von Kommunisten gestalteten Weltfriedenskongress in Warschau im November 1950 führten wenige Wochen danach zu seiner Amtsenthebung, wobei seine Gegner sich größte Mühe gaben, die politischen Gründe des Vorgehens gegen ihn herunterzuspielen und ihm vorhielten, seine alltäglichen Pflichten gegenüber der Gemeinde verletzt zu haben.

Vom Krieg geprägt

In der Tradition des Antimilitarismus und des Engagements für eine Welt ohne Waffen sowie für eine Aussöhnung mit Franzosen, Polen und Russen wirkten in Bremen auch in den Jahrzehnten danach eine Reihe pazifistisch gesinnter Pastoren, so etwa Wilhelm Garlipp, Michael Gerlach, Hans-Otto Sander und Louis Ferdinand von Zobeltitz. Einer, der die Friedensaktivitäten in Bremen wie kein anderer von ihnen in jüngster Vergangenheit geprägt hat, war der sich u.a. an Greiffenhagen orientierende Hartmut Drewes. Ein Jahr nach seinem Tod am 5. Februar 2025 haben nun Barbara Alms und Gerhard Schäfer ein Buch herausgegeben, das sein Lebenswerk ebenso würdigt wie, damit aufs Engste verbunden, die Bestrebungen der Bremer Friedensbewegung der letzten 25 Jahre. Der Band, weit mehr als eine Bestandsaufnahme, zeigt, wie friedenspolitisches Engagement auch unter schweren Bedingungen organisierbar ist und sich so eine Breitenwirkung erzielen lässt. Dazu bedarf es herausragender Persönlichkeiten, die bereit, fähig und willens sind, sich für den Frieden stark zu machen, und die es zudem verstehen, auch mit Rückschlägen umzugehen.

Am 11. März 1939 in Hildesheim geboren, wuchs Drewes in einem deutschnational gesinnten Elternhaus auf, in dem Hindenburg besondere Verehrung genoss. Mit sechs Jahren erlebte er, wie nahezu 75 % aller Gebäude und 80-85 % der Altstadt im Februar und März 1945 durch Flächenbombardierungen zerstört und beschädigt wurden. Wie sollte er das jemals vergessen? Im selben Alter nähte seine Mutter den Kindern aus der Hakenkreuzfahne Spielhosen. Dass Krieg nicht mehr sein darf, war ihm seither eingebrannt.

Am altsprachlich orientierten Gymnasium Andreanum, noch heute in freier Trägerschaft der Ev.-Lutherischen Landeskirche Hannovers, machte er sein Abitur. Die kirchliche Sozialisation bestimmte seinen weiteren Werdegang. Nach dem Studium der Ev. Theologie in Tübingen, Berlin und Göttingen, dem Vikariat in Caracas/Venezuela und der Ordination zum Pfarrer übernahm er 1967 das Amt eines Hilfspredigers in Nordholz. Doch wegen seiner antimilitaristischen Haltung gab es in der Gemeinde Konflikte, und er wählte 1970 Bremen, in Glaubensfragen nach wie vor sehr nonkonformistisch, als sein künftiges Wirkungsfeld – eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Zunächst im Stadtteil Blumenthal Pastor, wechselte er 1972 an die Gemeinde Bremen-Oslebshausen, deren Stabführung er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2000 innehatte.

Von Beginn an stellte sein friedenspolitisches Engagement ein Merkmal seines pastoralen Wirkens dar. 1971 nahm er als Delegierter des bundesdeutschen Regionalausschusses in Prag an der „Allchristlichen Versammlung“ der „Christlichen Friedenskonferenz“ (CFK) teil. 1972 bis 1979 war er Vorsitzender der Internationalen Kommission der CFK. Später zählte er zu den Mitgliedern des Internationalen Sekretariats. Dabei scheute er sich nicht, dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, ein „Handlanger“ und Helfershelfer des Kommunismus zu sein. Wie dem Kapitänleutnant a.D. Heinz Kraschutzki, der Ende der 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre mit Vertretern des Ostens Kontakte pflegte und sich als Quäker und Veteran der Weimarer Friedensbewegung von der neu inszenierten „Russenfurcht“ nicht ins Schlepptau nehmen ließ, ging es ihm darum, den Kalten Krieg nicht weiter zu schüren – und einen Weg zu bahnen für eine Überwindung des Blockdenkens und die Zusammenarbeit aller Völker auf der Basis friedlicher Koexistenz. Jedenfalls wollte er den ansonsten gebrandmarkten Kommunisten und Sozialisten ihr Streben nach humanistisch und christlich motivierten Zeilen nicht absprechen. Zugleich nahm er Verbindung zur Deutschen Friedensunion in Bremen und dessen Vorstand Ekkehard Lentz auf.

Zusammenarbeit mit Kommunisten

Ebenso wichtig war Drewes die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und den Ursachen und Folgen des Faschismus, den Umgang mit Zwangsarbeitern und anderen Opfern des NS-Terrorismus. Er engagierte sich für soziale Gerechtigkeit. Seine in einem Arbeiterviertel gelegene Gemeinde stärkte ihm dabei den Rücken. Sie betrachtete seine Haltung, dass, so von ihm im Mai 1975 in einer Rede zur „Befreiung von Faschismus und Krieg“ ausgedrückt, „ein Christ nicht beiden Herren, Gott und Mammon, dienen kann, sondern sich gegen das Kapital zu entscheiden hat“, als Fürsprache für eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensperspektive. Gerate er dabei an die Seite von Kommunisten und Sozialisten, „seien sie Christen oder nicht“, habe das keineswegs als abwegig zu gelten.

Drewes sah sich in der Tradition des Schweizer Theologen und Antifaschisten Karl Barth, der sich im Rahmen seiner Widerstandstätigkeit 1943 dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ anschloss, für das er Christen überzeugte, mit Marxisten zusammenzuarbeiten. Auf die Gegenwart bezogen schlug Drewes sich angesichts der Berufsverbote und der Nichteinstellung von Kommunisten in den Öffentlichen Dienst auf deren Seite. Vor dem Hintergrund ihrer Verfolgung durch das NS-Regime und ihres Kampfes gegen Terror und Krieg lasse ihm das Evangelium „keine andere Wahl“, als ihnen beizustehen.

Drewes war wie viele seiner Vorläufer der Zeit weit voraus – was seine in dem Band „Friedenspolitik in Bremen“ abgedruckten Reden eindrucksvoll verdeutlichen. Je mehr gouvernementale Kreise aus den Reihen der SPD, Grünen und schließlich auch der CDU dazu übergingen, dem In- und Ausland zu erklären, die Deutschen hätten die Lektion aus ihrer Geschichte gelernt, umso stärker hat er sich an einer „Erinnerungskultur“ orientiert, die nicht so tut, als sei die deutsche Welt wieder in Ordnung gebracht und die Vergangenheit „bewältigt“. Entgegen dem Trend, das „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ immer mehr „mit dem Geruch des Illusionären, des Unerfüllbaren“ zu umgeben, hielt er bereits in seiner Rede im Juni 2003 an dem „Nie wieder! Nicht noch einmal!“ als Auftrag bleibender Aktualität fest.

Im Jahr darauf warnte er vor einer Militarisierung Europas und den Bestrebungen, die EU unabhängig von der NATO und den USA zu einer neuen Militärmacht auszugestalten, so vertreten von Angela Merkel (CDU), Edmund Stoiber (CSU) und Karsten Voigt (SPD), der im Herbst 2003 erklärte: „Europa kann nur ernst genommen werden, wenn es zu eigener Stärke findet.“ Von gegenwärtigen Verlautbarungen unterscheidet sich das nicht. Drewes dazu: „Dieses Denken ist der Versuch, den Jesus einmal mit den Worten umschrieben hat, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, also Böses mit Bösem zu beseitigen.“ In Wahrheit gehe es in erster Linie nicht um eine Verteidigungsarmee, sondern um weltweit einzugreifende Interventionstruppen. „Übersetzt heißt das“ – so Drewes weiter: „Die Welt soll merken, dass Europa nicht nur Europa, sondern mehr sein will.“ Und sich, statt mit friedlichen Mitteln zu versuchen, die Welt zu befrieden, auf Gewalt und Waffen stützen.


Hartmut Drewes, Ramstein, 2015. Foto Johannes Feest

Gleiches gilt im inneren Bereich. In Heiligendamm ließ die Regierung zum Schutz des G8-Gipfels im Juni 2007 neben Tausenden von Polizisten auch 2100 Soldaten aufmarschieren. Dazu kamen Aufklärungstornados und Panzerspähwagen zum Einsatz. Die Begründung, man habe feststellen wollen, ob die Protestierenden „Erddepots“ anlegten oder Straßen unterspülten. Mit anderen Worten: Abstrakte Gefahren, vorgetäuschte Bedrohungsszenarien und vermeintliche Terroristen müssen – wie bei dem Rückgriff auf die Gewaltanwendung im Äußeren – dafür herhalten, auch die Militarisierung im Inneren voranzutreiben, um so einer fingierten „Sicherheit“ Genüge zu tun. Dahinter steht das Bestreben, dem Militär die Rolle und Bedeutung zurückzugeben, die es einst in verpreußt-deutschen Landen besessen hat.

Tief verwurzelt

Dazu passen die frohlockenden Worte des einstigen Generalinspekteurs der Bundeswehr Klaus Naumann nach der „Wiedervereinigung“, endlich sei die mit dem Beginn von 1789 begonnene Periode an ihr Ende gelangt. Naumanns Auffassung offenbart einen tief verwurzelten Widerwillen gegen die Ideale der westlichen Demokratie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Für ihn ist damit wohl auch die Ablehnung des Gedankens verbunden, dass Recht vor Macht gehe, dass Friede nicht durch Recht, sondern durch Gewalt zu schaffen sei, dass nicht im Sinne Gustav Heinemann der Friede, sondern der Krieg der „Ernstfall“ sei. Was Militärs wie Naumann und die zivil eingefärbten, militäraffinen Politiker und ihre intellektuellen Befürworter auf ihre Fahnen schreiben und vereinen, ist die Überzeugung, dass über allen Idealen, aller Ethik und Moral, die Macht des Schwertes stehe. Ohne Stärke und das auf Waffen beruhende Gewaltpotential sei alles andere gefährdet und die Freiheit bedroht, letzten Endes auch die Kultur. Von der Auffassung tief durchdrungen, dass die Welt nur so und nicht anders funktioniere, wird dem Militär und Denken in militärischen Kategorien ein höherer Wert zugeschrieben als zivilen Vorschlägen, wie etwa der Lösung von Konflikten durch den friedfertigen Ausgleich von Interessen und durch die Vereinbarung von Sicherheitsgarantien.

Mit Landesverteidigung hat diese Haltung, so bereits der historische Befund Ludwig Quidde in seiner Schrift „Der Militarismus im heutigen Deutschen Reich“ (1893), nichts zu tun. Vielmehr sei dieser infolge seiner preußischen Verwurzelung dadurch gekennzeichnet, dass er die Dominanz des militärischen Denkens vor zivile Grundsätze stelle. Seit der „Zeitenwende“ arbeitet die deutsche Politik daran, den Ukrainekrieg im Sinne der bereits zuvor angestrebten Militarisierung der Gesellschaft voranzutreiben und aus dem Land eine Art „Vor- und Kriegsstaat“ zu machen. Militärausgaben in schwindelerregender Höhe gehen zu Lasten sozialer Belange. „Operationspläne“ unterstellen zivile Einrichtungen militärischen Zwecken. Gebetsmühlenartig wird die besondere Rolle und Bedeutung des militärischen Gewaltapparats beschworen, flankiert von der propagandistisch wider besseres Wissen vorgetragenen Behauptung von einer Kriegsbedrohung durch Russland, stets verbunden mit einem Meinungsdruck, der jede abweichende Meinung an den Rand drängt.

Wie im Kaiserreich soll die Gewalt erneut zum zentralen Faktor der Geschichte erhoben und sich darauf eine europäische Einflussnahme auf die Weltpolitik unter deutscher Führung gründen. Der beruhigend klingende Spruch W. Schäubles „Wir bereiten uns auf den Krieg vor, um ihn nicht führen zu müssen“, dient, in unendlichen Abwandlungen in die Gehirne gepflanzt, als verteidigungspolitisches Rechtfertigungsklischee für unbegrenzte Aufrüstung. Was als „neue Logik“ daherkommt, knüpft an eine tief verwurzelte Gewalt- und militärische Mentalität an, erweist sich als alter, schäbiger Hut – getränkt von eingebildeten Bedrohungsängsten und Größenwahn. Just in den Tagen der Haager Friedenskonferenz von 1899, bei der es neben einem sofortigen Rüstungsstopp darum ging, den Krieg und die Gewalt künftig als Mittel der Politik zwischen den Staaten auszuschalten, erklärte Wilhelm II. in seiner Wiesbadener Rede ein „scharf geschliffenes Schwert“ zur besten Friedensgarantie. Wir wissen alle, wohin das geführt hat...

Nach seiner Pensionierung m Jahre 2000 hat Drewes sich voll und ganz dem Frieden verschrieben. Seither prägte er als Mitglied des Sprecherkreises neben Ekkehard Lentz, Eva Böller und Barbara Heller die Aktivitäten des Bremer Friedensforums, dessen Wirken für Abrüstung, Völkerverständigung und Frieden in dem Buch ebenso dargestellt ist wie das Engagement der Marxistischen Abendschule und der Deutsch-Russischen Friedenstage. In der Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden spielte Drewes indes schon in den 1980er Jahren eine bedeutende Rolle. Ausführlich befasste er sich mit den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ließ ihn nicht zur Ruhe kommen und bestimmte auch seine Haltung zum Verhältnis von Theologie und Politik. Den „Feldzug“ gegen die Sowjetunion mit 27 Millionen Toten, 71000 vernichteten Städten und Dörfern sowie all die damit verbundenen Demütigungen für die Menschen bezeichnete er neben dem Judenmord als den „zweiten Holocaust“. Er will, dass wir die Schreie der Opfer hören – und nicht vor ihnen, den Gemordeten, davonlaufen. Das zu tun, hieße, wie es Abraham Michael Rosenthal, einst Chefredakteur der „New York Times“, ausgedrückt hat, „die Toten ein zweites Mal zu ermorden, durch Vergessen.“ Vehement setzte Drewes sich für eine Wiedergutmachung an KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern ein, plädierte für eine Aussöhnung mit Russen und Polen, wandte sich gegen Rassismus und Antisemitismus und warb für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Die Macht der Kunst

Von anderen „Friedenspfarrern“ unterschied er sich zudem durch sein leidenschaftliches Interesse an Kunst und Literatur. Besondere Wertschätzung galt russischen Autoren wie Dostojewski, Tolstoi, Puschkin, Gogol, Leskow, Gorki, Achmatowa. Majakowski, Jessenin, Aitmatow, Jewtuschenko usw. Nahezu jeden Tag hat er sich mit ihnen beschäftigt. Besuche zahlreicher Ausstellungen, oft verbunden mit ausgedehnten Kunstreisen, weiteten seinen Blick und führten im Friedensforum dazu, der Antikriegsdichtung und -kunst breiten Raum zu geben. Die antikapitalistischen und antimilitaristischen Bild-Montagen Rudolph Bauers, der in der Tradition von G. Grosz und J. Heartfield die Verharmlosung und Verschleierung kriegerischen Denkens und Werbens sowie die Bedrohung der Meinungsfreiheit durch mächtige Pressekonzerne thematisiert, fanden Drewes uneingeschränkten Zuspruch – ungeachtet der Beleidigungsprozesse, denen Bauer inzwischen ausgesetzt ist.

Als Mitbegründer der Deutsch-Russischen Friedenstage (2019), die sich gegen die zunehmende Reaktivierung des Feindbildes Russland wenden und stattdessen für Kooperation wirbt, schlug er als deren Symbol eine Friedenstaube à la Picasso vor. Bei Veranstaltungen zum Überfall auf die Sowjetunion und zur Blockade Leningrads stellte er 2021 literarische Texte vor. Den Verein „West-Östlicher Diwan“ rief er mit ins Leben, um zur Verständigung der islamischen und der westlichen Welt beizutragen. Im „Literarischen Quartier Bremen“ trug er viele Male Gedichte vor und führte selbst Themenabende durch wie zur Persischen Lyrik und Prosa. Bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, rezitierte er im Januar 2025 in der Bremer „Villa Ichon“ das sprachgewaltige Gryphius-Sonett „An sich selbst“ (1658) und Dietrich Bonhoeffers Gedicht „Wer bin ich?“ (1944), das seine Kraft einem zutiefst glaubenden, von Gott getragenen Menschen verdankt.

Hartmut Drewes war Christ, Antifaschist und Pazifist, den viele, auch manche seiner Gegner, dank seiner ethischen Geradlinigkeit achteten. „In seiner Bescheidenheit lebte“, so die Literaturwissenschaftler Christine und Gert Sautermeister, „eine verlässliche Freundschaft, seine Feinfühligkeit schuf eine Atmosphäre der Empathie.“ Ich habe vor allem seine unverstellte, offene und klare Art geschätzt. Sein Engagement für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit war mehr als außergewöhnlich. Nie hat er sich in den Vordergrund geschoben. Ihn zeichnete ein waches, offenes Ohr für Leidende und ungerecht behandelte Menschen aus. Man spürte, wie ernst er es damit meinte und dass er authentisch war. Er gehört zu den großen Bremern, die verkörperten, was der Journalist und Redakteur, Pädagoge und Pazifist Hein Herbers (1895-1968) über Fritz Küster (1889-1966), den Herausgeber der bedeutenden pazifistisch-antimilitaristischen Wochenzeitung „Das Andere Deutschland“, geschrieben hat: „Er war der Vertreter jener anonymen Masse der anständigen ‚kleinen Leute‘, die mit nüchternem, gesundem Menschenverstand, mit hartnäckiger Überzeugung meinen, dass Recht Recht ‚bliewen mot‘ – erfüllt von einer tiefen, tiefen Sehnsucht, nicht immer nur in einem Kriege oder auf der bitteren Scheide einer Nachkriegszeit – und einer Vorkriegszeit zu vegetieren, sondern ganz einfach nur zu leben und den Pflug durch das Land ziehen zu können!“

Solidarität mit Palästinensern

Von Drewes‘ publizierten Arbeiten sei der im Buch abgedruckte Artikel über „Die BRD im Spiegel der Lyrik von Erich Fried“ hervorgehoben. Wie Fried betrachtete er die zunehmende Radikalität im linken Spektrum als eine Reaktion auf die repressiven, bleiernen und nachfaschistischen Strukturen des Staates, die oppositionelle Stimmen im politischen Raum jahrzehntelang dazu verdammten, ein Schattendasein zu führen und ins Abstrakte und Gewalttätige abzugleiten.


Hartmut Drewes, Lemwerder, 2010. Foto privat

Eines der Merkmale von „Friedenspfarrern“ ist es, sich mit den Schwachen und Gedemütigten, Armen und Hilflosen, den Ausgegrenzten und an den Rand Gedrängten zu solidarisieren – zumeist Opfer einer wachstumsorientierten Profitgesellschaft und deren sozialen Folgen. Zur Ruhe ließ Drewes zudem das Schicksal der Palästinenser nicht kommen. Anlässlich des Krieges im Nahen Osten kritisierte er im August 2006 die damals schon fast vier Jahrzehnte andauernde Besetzung der palästinensischen Gebiete. Israel werde, so Drewes‘ Warnung, durch weitere Entrechtung der Palästinenser nicht den Frieden gewinnen, sondern jenen Hass gegen Unterdrückung und Militärherrschaft noch verstärken, aus dem die Hamas und Hisbollah entstanden seien. Beide stellten „Kinder israelischer Besatzungspolitik“ dar, die Widerstand hervorrufe. Könne man das den Menschen, ohne sich mit ihren Aktionen zu identifizieren, verdenken? Eine Haltung, die nichts mit Antisemitismus zu tun hat und von Vertretern der Friedensbewegung in Israel damals wie heute geteilt wird.

Drewes kannte die Macht und Bedeutung der Bilder. Als bislang wichtigster Dokumentarist und Berichterstatter hat er mit seiner Kamera die vom Bremer Friedensforum organisierten oder unterstützten Demonstrationen und Veranstaltungen festgehalten. Dazu verfasste er Einschätzungen und Pressemitteilungen. Ihm ging es darum, das politische Anliegen, wie es sich in Plakaten, Bannern, Fahnen und vor allem den Gesichtern ausdrückt, mitzuteilen, ganz im Sinne Tucholskys: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!“ Das Buch, mit vielen, zumeist von Drewes stammenden Abbildungen versehen, hat dem im besten Sinne Rechnung getragen und verdeutlicht, dass, je mehr sich der Militarismus ausbreitet, weiterhin viele Menschen für eine Welt ohne Krieg und Gewalt aktiv sind. Friedenspfarrer Hartmut Drewes würde dazu sagen: „Das walte Gott!“

Literatur

Barbara Alms/Gerhard Schäfer (Hrsg.): Friedenspolitik in Bremen – Hartmut Drewes – Für eine Welt ohne Krieg und Gewalt, 224 S., 175 Abb. (zumeist farbig), Hardcover, 24.80 € – ISBN 978-3-949116-33-9 – Donat Verlag

Helmut Donat/Hermann Theisen (Hrtsg.): Bedrohter Diskurs – Deutsche Stimmen zum Ukrainekrieg, 368 S., Hardcover, 24.80 € – ISBN 978-3-949116-21-6 – Donat Verlag



* Helmut Donat

Jg. 1947, Bankkaufmann, Lehrer und zeitweise Lehrbeauftragter der Universität Bremen, heute als Historiker, Verleger und Publizist tätig, auch als Dozent an der Akademie für Weiterbildung der Uni Bremen; Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, Organisator diverser Ausstellungen sowie von Kulturtagen und -veranstaltungen, zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Pazifismus und Militarismus, zum „Historikerstreit“, zur „Wehrmachtsausstellung“, zum Kontinuitätsproblem der deutschen Geschichte, zur Kriegsschuldfrage von 1914 und dem deutschen Annexionismus im Ersten Weltkrieg, zu den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus sowie zum Völkermord an den Armeniern; für sein verlegerisches Engagement und publizistisches Wirken mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Carl von Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg und dem Friedenspreis der Villa Ichon. Lebt im Bremer Stadtteil Borgfeld.

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