Zur Seriosität unseres Monopolblattes Weser-Kurier

Falsche Zahlen – problematische Schlussfolgerungen auch der Chefredakteurin Silke Hellwig

von Rainer Dietrich
12.01.2020



Am Montag, den 6.1.2020, veröffentlichte der Weser-Kurier (WK) einen Artikel des Journalisten Jürgen Theiner über die Prognose der Bevölkerungsentwicklung Bremens und Bremerhavens auf S. 7. Bremen wurde als Karte mit Stadtteil- und Ortsteilgrenzen dargestellt und stach mit knalligen Komplementärfarben auf der ersten Lokalseite ins Auge. Auch die Einwohnerzahl des Landes war fett gedruckt.

Schon der Prognosehorizont wird widersprüchlich angegeben und bleibt unklar
In der Unterüberschrift stand als Jahreszahl für die voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung das Jahr 2028 im Text dann das Jahr 2038. Welches nun gemeint ist, ist bis heute nicht geklärt.

Stadtteilbezeichnungen auf der Stadtkarte sind z.T. falsch
Für einen Neubürger Bremens – und von denen gibt es jedes Jahr viele Tausende – war diese große Graphik eine Gelegenheit, sich die Seite herauszureißen und zur ersten Orientierung an die Wand zu hängen oder abzuheften. Aber bei den Stadtteilbezeichnungen stimmt nicht alles, obwohl die im „Bremer Ortsteilatlas“ des Statistischen Landesamtes schnell einzusehen sind. So fehlt in der Karte im Weser-Kurier der Stadtteil Findorff ganz und wird praktisch Schwachhausen zugeschlagen. Die Östliche Vorstadt vereinnahmt dem WK nach sowohl die Ortsteile Hastedt als auch die Gartenstadt Vahr, obwohl die einerseits zum Stadtteil Hemelingen und andererseits zum Stadtteil Vahr gehören.

Zwei von drei Einwohnerzahlen sind falsch
Nur zu dumm, dass nicht alle Stadtteilbezeichnungen, sondern auch, dass die Ist - Zahlen der Bevölkerung nicht stimmten – also der Ausgangspunkt der Prognose. Das war umso schlampiger, als der Kurier am Sonntag – also die Sonntagsausgabe des WK – am Tag vorher noch mit einem Artikel verkündet hatte, dass das Statistische Jahrbuch 2019 des Statistischen Landesamtes Bremen herausgekommen sei. Darin war mit ein paar Klicks schnell festzustellen, dass die amtlichen Zahlen (1) andere sind, als die vom Weser-Kurier angegebenen:

Einwohner Bremens laut  Statistisches Jahrbuch Bremen 2019 für 31.12.2018  Weser-Kurier am 6.1.2020 auf S. 7 Korrektur Weser-Kurier am 7.1.2020 auf S. 2 "zum Jahresende 2019 "rund" Statistischer Bericht Juni 2019 d.h. jüngste Ausgabe
Stadt Bremen 569.352 548.000 571.000 569.693
Stadt Bremerhaven 113.634 113.000 118.000 113.491
Land Bremen 682.986 661.000   683.184


Auch korrigierte Zahlen sind wieder – wenn auch anders - falsch
Am 7.1.2019 korrigierte (oder verschlimmbesserte) der WK auf S. 2 (also nicht im Lokalteil) rechts unten ganz klein zwei Zahlen. Die „Korrektur“ des Journalisten Jürgen Theiner ist in der Tabelle zu sehen, für die er aber keine Quelle angab. Von beiden Angaben sind wahrscheinlich mindestens die für Bremerhaven auch falsch, und nicht weil sie als gerundet bezeichnet werden, sondern von der Größenordnung her. Für Bremerhaven wird in der Korrektur eine Bevölkerungszahl von rund 118.000 als Istzustand Ende 2019 angegeben. Im „aktuellen Statistischen Bericht Juni 2019“ steht aber für Bremerhaven eine Bevölkerungszahl von 113.491 Einwohnern – also etwas weniger als ein halbes Jahr vorher am Jahresende 2018. In der im WK widergegebenen Prognose wird für Bremerhaven mit einer Stagnation der Bevölkerung gerechnet. Und nun sollen im letzten halben Jahr ca. 5.000 Einwohner hinzugekommen sein – so viele wie in den letzten fünf Jahren zusammen, in die die Jahre der großen Flüchtlingszuwanderung fielen, die offensichtlich abgeflaut ist, und ein Vielfaches mehr als in der Stadt Bremen? Das wäre doch mindestens eine Schlagzeile wert – oder nicht? In den Unterlagen des Statistischen Landesamtes gibt es für solch einen aktuellen Zeitpunkt (sieben Tage zuvor, davon drei Feiertage) keine Unterlagen.

Fehler kommen vor. Aber dann müssen die Korrekturen in einer seriösen Publikation zumindest akribisch geprüft werden.
Dass sich jemand Mal irrt oder es Schreibfehler gibt, kann vorkommen. Dass das in einem Artikel mehrfach vorkommt, wird man damit entschuldigen, der ganze Artikel sei weder Korrektur gelesen noch auf Fakten gecheckt worden. Dass dann Korrekturen auch so schlampig vorgenommen und nicht auf der Seite veröffentlicht werden, wo der Artikel selbst stand, und zu dem er thematisch gehört, hier dem Lokalteil, geht eigentlich gar nicht.

Maßstäbe für die Kommentare einer seriösen Zeitung sind u.a.: innerer Zusammenhang mit dem Thema, Fakten basiert, in sich widerspruchsfrei, logisch aus den erkennbaren Faktoren nachzuvollziehen

Der WK hat den Anspruch, in Bremen die seriöse Zeitung zu sein. Jedenfalls ist er quasi ein Monopolblatt, mit dem sich die interessierten Kreise (insbesondere auch die öffentlich Bediensteten selbst) über das Geschehen in Bremen informieren. Der WK hebt den Unterschied zu den unprofessionellen und unverantwortlichen Schreiberlingen in den sozialen Medien hervor, in denen jede*r ungeprüft schreiben kann, was sie / er will – unter dem Recht der Meinungs- und Glaubensfreiheit – was auch den größten Unsinn und Fake News umfassen kann. Meinungsäußerungen bedeuten in dem Zusammenhang, sie müssen nicht stimmen, sie müssen nicht auf Fakten basieren, sie müssen nicht logisch und in sich nicht widerspruchsfrei sein – <ich meine halt (ungeschützt) mal eben so>.

Für die Meinung, die veröffentlichten Kommentare, einer Chefredakteurin einer seriösen Zeitung, hier des WK, gelten höhere Maßstäbe. Meinungen müssen Fakten basiert sein oder dürfen ihnen jedenfalls nicht deutlich widersprechen. Das ist aber mindestens in diesem Fall bei dem Kommentar der Chefredakteurin Silke Hellwig auf S.2 nicht der Fall. Sie bringt das langsame Bevölkerungswachstum Bremens in Zusammenhang mit mangelndem Platz: „Bremen wächst. ... wenngleich langsamer als erhofft.“ Und weiter „Die Bewohner anderer Großstädte - ... - ... leiden bereits unter Platzangst und rätseln, was zu tun ist, um der Daseinsvorsorge noch gerecht werden zu können. Big ist nicht immer beautiful.“

Platz ist – gemessen an anderen Großstädten in Deutschland und erst recht der Welt – in Bremen keine Grenze des Bevölkerungswachstums.
Platz ist in Bremen aber eigentlich kein Problem für ein Bevölkerungswachstum. Am Platz fürs Bauen – sei es für Wohnungen, sei es für Infrastruktur oder beides – mangelt es in Bremen gemessen an den anderen Großstädte Deutschlands (erst Recht der Welt) wahrlich nicht. München hat weniger Fläche (311 km²) als die Stadt Bremen (325 km²), dabei mehr als doppelt so viele Einwohner (1.471.508),   und deren Zahl wächst auch noch viel schneller als die Bremens (um 118.322 oder 8,74 % seit 2010), – und gilt in Deutschland trotzdem als die lebenswerteste Stadt. Bremen ist – abgesehen von Dresden – die am lockersten besiedelte Großstadt Deutschlands mit über 500.000 Einwohnern. Bremens Bevölkerungszahl nahm in derselben Periode um 22.012 Einwohner oder 4,02 %, also nicht einmal halb so stark, zu. Die Zahlen für Leipzig weichen noch stärker von denen Bremens ab: Auf der Fläche von 297,8 km² waren im Jahr 2018 587.857 Einwohner gemeldet. Das waren 64.974 Einwohner oder 12,43 % mehr als im Jahr 2010 (2). Die Liste mit von der Fläche kleineren aber von der Bevölkerung her größeren Großstädten, die auch noch ein stärkeres Einwohnerwachstum aufweisen, ließe sich fortsetzen (3). Auch wenn es Großstädte in Deutschland mit abnehmender Einwohnerzahl gibt, die dichter besiedelt sind als Bremen, so ist doch klar, dass auf der Ebene unserer Bewohnerdichten der Platz kein Begrenzungsfaktor für das Bevölkerungswachstum einer Stadt ist. Es sind offensichtlich ganz andere Faktoren, die dafür sorgen, ob und wie stark sich die Bevölkerungszahl einer Stadt verändert.

Der WK gräbt sich selber das Wasser ab, wenn er sich nicht als verlässliche Informationsquelle bewährt und gar Beispiele für das Odium „Lügenpresse“ liefert.

Dem Anspruch des WK, eine seriöse Zeitung zu sein, auf die man sich verlassen und die man in dem Sinne zitieren kann, die Sache sei mindestens von den zugrunde liegenden Tatsachen und Faktoren her richtig, wird weder der Artikel, noch die Korrektur noch der Kommentar durch die Chefredakteurin Silke Hellwig gerecht.

Wenn man sich bei diesen Zahlen, bei denen die Quellen allgemein leicht zugänglich sind, nicht auf sie verlassen kann, wie ist das bei den anderen Artikeln? Kaum jemand hat die Zeit, bei jedem Artikel einen Faktencheck zu machen, und will das auch nicht. Man gibt schließlich ca. 40 € monatlich aus, um zuverlässige, geprüfte und in den Sachzusammenhängen valide Darstellungen zu lesen. So, wie in diesem Beispiel, leisten die Journalisten des WK an der Spitze mit Chefredakteurin Silke Hellwig - der als seriös geltenden Presse, und deren Überlebensfähigkeit als verlässliche Informationsquellen, einen Bärendienst.

Chefredakteurin Silke Hellwig korrigiert meine Interpretation. Ob Sie es damit besser macht, ist m.E. fraglich.

Die Chefredakteurin Silke Hellwig hat dankenswerter Weise auf meine Zuschrift hin reagiert und dabei u.a. zurückgewiesen, dass ein oder zwei unbeabsichtigte Fehler mit beabsichtigten und richtungweisenden Fake News zu vergleichen seien. Im Prinzip hat sie damit zwar Recht, aber für den / die Leser*in kommt in beiden Fällen heraus, dass er / sie sich nicht auf die Meldung des WK verlassen kann. Da der WK in anderen Zusammenhängen ja betont als Tendenzblatt agiert (4), können Leser*innen auch nicht jeweils unterscheiden, ob sie es mit beabsichtigten oder versehentlichen Fehlern zu tun haben, wenn sie sie überhaupt entdecken, was meistens nicht der Fall ist.

Silke Hellwig hat auch meine Interpretation ihres Kommentars korrigiert. Sie habe mit mangelndem Platz nicht etwa zu wenig verfügbare Fläche gemeint, sondern mangelnde Plätze in Kindergärten, Schulen usw.

Das ließe sich – gerade weil Bremen Platz hat – natürlich abstellen (5). Aber sie erklärte mir, dass ihr Kommentar zum Ausdruck bringen solle, dass sie als Person, nicht als eine am Gemeinwohl orientierte Institution, unabhängig davon, ob Bremen wachsen könne, und ohne an anderen Städten Maß zu nehmen, ein Wachstum der Bevölkerung Bremens ausdrücklich nicht wolle. Das solle i.M. nach eher verhindert werden.

Eine solche Wertentscheidung einer Einzelperson muss in der Tat nicht mit Fakten begründet werden, und sie muss die Folgen für andere nicht bedenken oder gar berücksichtigen. Es ist auf etwas höherer Ebene als der der eigenen Privatwohnung die gleiche Haltung wie die: „not in my backyard.“ Oder eben schierer individueller Egoismus – was selbstverständlich erlaubt ist. Von der Chefredakteurin des Monopolblattes hätte ich schon einen Standpunkt von einer etwas höheren Warte aus erwartet. Nämlich, dass sie die persönlich bevorzugte Entwicklung in eine für das Wohl der Stadt und ihrer Bevölkerung insgesamt förderliche Entwicklung einbindet, also die Folgen auch für andere mit bedenkt. Dass das nicht Wachstumspolitik, wie vom vorherigen Senat propagiert sein muss, habe ich bei meiner Auseinandersetzung mit dem Bremen Plan des Vorgängersenats unter http://www.bremer-verhaeltnisse.de/data/20190106.pdf zur „Zukunft Bremen 2035“ dargelegt.

Abwanderungsüberschuss von Deutschen aus Bremen kann man als Kritik an den Lebensverhältnissen in Bremen interpretieren.

Die Struktur der Wanderungsbilanzen (d.h. Bilanzen der Zu- und Fortzüge von Deutschen in den Großstädten mit den übrigen Gebieten Deutschlands und der Welt) in den Zuzugsstädten der Republik ist strukturell anders als in Bremen. Bremen weist in alle Richtungen – also Deutsche ins Umland, ins weitere Niedersachsen, in die übrige Bundesrepublik und ins Ausland – Abwanderungsüberschüsse auf – und das seit vielen Jahren. Gerade auch die jungen Leute kurz nach ihrer Ausbildung / ihrem Studium verlassen im Saldo sehr bald die Stadt wieder. Nur Ausländer aus dem Ausland kommen mehr nach Bremen, als Ausländer wieder abwandern. Diese Struktur der Wanderungsbilanzen sieht bei den Zuzugsstädten Deutschlands ganz anders aus. Sie wachsen nicht nur durch den Zuzug von Ausländern aus dem Ausland, sondern auch von Deutschen aus dem Inland. Das legt den Schluss nahe, dass das Umzugsverhaltens so vieler Bremer eine Abstimmung mit den Füßen bzw. mit dem Wohnsitz ist: Eine Kritik an den Arbeits- und Lebensbedingungen in Bremen.

Einigen geht es in Bremen selbstverständlich trotz allem gut. Wer deswegen an der allgemeinen Situation festhält, um seine gute Lage zu bewahren, gefährdet möglicherweise langfristig seine gute Stellung.

Deswegen ist für eine Chefredakteurin des meinungsbildenden Lokalblattes die Perspektive aus ihrem ureigensten wohligen Winkel in Bremen, den sie sich zu erhalten hofft, doch wohl ein Standpunkt mit sehr begrenztem Horizont, und von der Relevanz her vergleichbar mit der Stellungnahmen von Einzelpersonen in den sozialen Medien aus ihrer ganz persönlichen Sicht.
M.E. ist auch die wirtschaftliche Stellung des WK (u.a. dadurch) gefährdet, was auch Folgen für die Beschäftigten des Verlages haben könnte.

(1) Die amtlichen Zahlen gelten hier als „die richtigen“. Es gibt keine anderen. Ob das Statistische Landesamt die Unterlagen, nach denen es zählt, immer unvoreingenommen, also ohne politischen Einfluss des Innensenators, zu dem es gehört, auswertet, bleibt zweifelhaft. Wichtig wäre es, dass das Statistische Landesamt richterliche Unabhängigkeit erhielte.

(3) Das gilt auch für Berlin, das einen auch relativ viel größeren Zuwachs an Einwohnern verzeichnen kann, obwohl auch dort durch Volksentscheid die Bebauung einer großen freien Fläche, des großen Tempelhofer Feldes (ehemaliger Flughafen), unterbunden wurde.

(5) Die nötigen Finanzen bringen die Bürger ja mit, weil beim Länderfinanzausgleich die Einwohner der Städtestaaten mit 135% gewertet werden



 

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