Fahrradstadt Bremen?

Ob die absehbar neue rot-grün-rote Regierungskoalition es besser macht als die rot-grüne bisherige?

von Rainer Dietrich
11.08.2019



Der designierte neue Senatspräsident Bovenschulte sagt im Interview im Kurier am Sonntag vom 7.7.2019:

Das Geld also nicht mit der Gießkanne verteilen, sondern es gezielt dort einsetzen, wo die Not am größten ist, in den Kitas, Schulen und Quartieren mit besonders großen Herausforderungen.

Einen Tag vorher wurde vom Weserkurier kolportiert, Bremen sei die fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands, und nähme den 11. Rang in Europa ein – in einem „Copenhagenize-Index“ – wer immer sich anmaßt, solche Rankings so apodiktisch aufzustellen. Der Weserkurier untermauerte den lobenden Artikel mit einem Foto von der jüngst knallrot gefärbten Fahrbahn und so als Fahrradstraße markierten Parkallee zwischen Stern und Hohenlohe Straße, wo ein Paar auf Fahrrädern gerade ein Auto am Überholen hindert. Wegen Copyrights des WK füge ich meine eigenen Fotos (Fn 1) von der häufig so leeren Straße ein (Bild 1).

Fahrrad fahren in Bremen

Parkallee neu als Fahrradstraße (1)



Für Nichtbremer müssen einige Hinweise gegeben werden: Auf Fahrradstraßen in Bremen dürfen auch Autos fahren. In Bremen gibt es nur wenige solch breite Alleen, wie dieser Abschnitt der Parkallee und dann auch noch mit relativ so wenig Verkehr außerhalb der Rushhours. Die meisten Straßen sind viel schmaler und es zwängen sich auf schmalen Bürgersteigen, auf denen man eigentlich nur im Gänsemarsch gehen kann, manchmal noch schmale Fahrradwege. Auf der Parkallee gibt es dagegen breite Bürgersteige und gab es ausreichend breite Fahrradwege. Weil es außer einer Schule dort wenige Publikumsmagneten gibt, ist auch der Fußgängerverkehr nicht besonders groß. Die Fahrradwege reichten generell für den Fahrradverkehr dort völlig aus – vielleicht wurde es auf der Ostseite, wo die Schule liegt, bei Unterrichtsbeginn und –ende mal etwas knubbelig.

Es gibt dagegen in Bremen viele kleine Straßen mit Kopfsteinpflaster – siehe Bild 4 unten von der direkt dort abzweigenden Goebenstraße, die mit seitlichen Grünstreifen und breiten Vorgärten auch noch ein Prachtexemplar Bremer Seitenstraßen ist, – das völlig verkommen ist, so dass die Fahrradfahrer nicht auf dem Damm sondern die Fußgänger gefährdend auf den Bürgersteigen fahren. Aber diese Copenhagenize-Gutachter lassen sich wohl von Statistiken über Fahrradwege und schönen Bildern beeindrucken. Sie haben 600 Städte weltweit in ein Ranking eingeordnet. Ich habe Zweifel, ob sie überall vor Ort waren.

Es gibt in Bremen kaum einen Straßenabschnitt, der für alle Verkehrsteilnehmer nebeneinander so problemlos war, wie dieser Abschnitt der Parkallee. In den Rushhours gab und gibt es dort auch immer einen Stau vor dem „Stern“, dem großen Kreisverkehr, dessen Kapazität für die Verkehrsströme einfach nicht ausreicht und nicht angepasst werden kann (Fn 2). Aber die Fahrradfahrer kommen jetzt an dem stadtauswärtigen Rückstau der Autos in der abendlichen Rushhour zwischen den links stehenden und rechts parkenden Autos auf „ihrer“ Fahrradstraße langsamer und unsicherer vorbei, als wenn sie auf dem ehemaligen Radweg führen – und weiterhin fahren. Letzteres soll durch die Umpflasterung wohl verhindert werden.

Nun hat also der Bau- und Verkehrssenator (seit zwölf Jahren von einem „grünen“ Senator geführt) diese demonstrative Veränderung herbeigeführt. Dabei soll gegen diese generelle Fahrradroute zwischen Universität, sie umgebenden großen Gewerbegebiet, benachbartem Wohnquartier und Innenstadt, wovon dieses Teilstück der Parkallee ein Abschnitt ist, gar nichts gesagt werden. Stadteinwärts ab der Hohenlohestraße und in der Eisenbahnunterführung wird der Fahrradverkehr ohnehin wieder auf die seitlichen Fahrradwege verwiesen. Aber es gibt an diesem Teilstück der Parkallee neben breiten Bürgersteigen, den ausreichenden ehemaligen Fahrradwegen und den Grünstreifen auf jeder Seite auch noch Parkstreifen für Autos, die dort am wenigsten notwendig sind, weil es eben keine Geschäftsstraße ist.

Es werden also unnötiger Weise die beiden Verkehrsarten Auto und Fahrrad aufeinander gehetzt. Dabei das Autofahren verlangsamt, ohne dass der Fahrradverkehr beschleunigt oder sicherer gemacht würde – im Gegenteil – siehe Rushhour oben.

Wie wenig es dem grünen Verkehrssenator um Sicherheit und Schnelligkeit des Fahrradverkehrs geht, demonstriert er auch aktuell bei der Fahrradverkehrsführung im Bremer Westen. Ein Beispiel: Seit Jahren werden auf der dort zentralen Waller Heerstraße Tiefbauarbeiten so durchgeführt, dass auf der rechten Seite stadteinwärts der Fahrradweg und der Damm für den Autoverkehr gesperrt sind. Eine Ausweichroute für die Autos wurde angezeigt, für die Fahrradfahrer nicht. Nun wurde auch noch die zentrale Kreuzung mit dem Waller Ring beidseitig und auch für den ÖPNV gesperrt. Man kommt einfach nicht mehr durch. Selbst als Fußgänger*in kommt man nur schwer und umwegig daran vorbei. Aber wenn man diese Baustelle auf der zentralen Achse in den und im Bremer Westen als Fahrradfahrer weiträumig umfährt, wird man wieder durch öffentliche Bautätigkeiten behindert und in gefährliche Konfrontation mit dem Autoverkehr geschickt. Dort werden gleichzeitig auf der Ausweichstrecke – Doventorsteinweg, an dem das Jobcenter liegt, Landwehr-, Wartburg- und Vegesacker Straße, bis man wieder auf die Waller Heerstraße einschwenken kann, – Tiefbauarbeiten durchgeführt. (Bild 2)

Fahrrad fahren in Bremen

Landwehrstraße 7.7.2019 (2)



Nun sind Bauarbeiter gerade knapp und Bauaufträge teuer. Bremen hat weiterhin wenig Geld. Und jetzt komme ich auf das Zitat vom designierten Bürgermeister Bovenschulte zurück, dass das Geld gezielt dort eingesetzt werden solle, wo es am dringendsten ist. Dafür braucht man eigentlich kein Zitat, es ist eine Selbstverständlichkeit. Die Parkallee liegt auch noch in einem der am meisten bevorzugten Ortsteile Bremens. Von den acht Fahrradrouten, die von den Gutachtern prämiert, bevor sie verwirklicht wurden, gibt es bisher nur zwei. Und die liegen – wie bei solch einer Partei nicht anders zu erwarten – in den bevorzugten Stadtteilen Bremens.

Trotz der schlechten Haushaltslage lässt in dieser Zeit der „grüne“ Senator Unwichtiges, wenn nicht gar Unsinniges, bauen: Die roten Klinker des ehemaligen Fahrradweges werden gerade durch graue Betonsteine ersetzt! (Bild 3) Gleich nebenan sind die Löcher in der Straße so tief, dass Rolli- und Rollstuhlfahrer*innen sie nicht überqueren können (man beachte, wie schief der abgestellte Bagger auf dem Foto steht. Das ist keine Verzerrung auf dem Foto. Das liegt daran, dass die Fahrbahn so stark zu den Rändern hin abgesackt ist – Bild 4). Die Straßenbauarbeiter, die mich wegen meines Fotografierens ansprachen, äußerten im Angesicht auch ihnen offensichtlich viel dringenderer Aufgaben Unverständnis für diese Prioritätensetzung. Fahrradfahrer*innen benutzen generell auf den holprigen Seitenstraßen die Bürgersteige usw. Überall in der Stadt und bei öffentlichen bei Gebäuden gibt es wichtigere Pflaster- und Straßenarbeiten. Bei den Gutachtern und dem WK war diese teure Maßnahme ja als PR-Gag erfolgreich! Aber nein, für die Realität nicht, hier wurde rein for show gebaut.

Fahrrad fahren in Bremen

Umpflasterung von roten auf graue Klinker (3)

Fahrrad fahren in Bremen

Goebenstraße mit Großsteinpflaster (4)

Das Bau- und Verkehrsressort bleibt auch in der absehbar kommenden Koalition in „grüner“ Hand, wenn auch einer weiblichen.

P.S. Der Autor hat 1978 den ersten Fahrradverkehrsplan für Bremen entworfen. Den wollte damals aber niemand haben.

 

1 Alle Fotos mit Smartphone aufgenommen am 12.6.2019 um ca. 11:45 Uhr.

2 Das wussten die Verkehrsplaner Anfang des vorigen Jahrhunderts, als diese Straßenkreuzung noch vor dem Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs konzipiert wurde, auch schon. Es reichte nicht einmal für den Verkehr mit Fuhrwerken.

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