Coronavirus
Wirtschaftskrise und
Machterhalt

von Rainer Dietrich
21.03.2020



Corona Virus, Wirtschaftskrise (1) und Machterhalt

Verschwörungstheoretiker könnten auf die Idee kommen, die Digitalkonzerne des Silicon Valleys hätten den Virus in der Welt verbreitet, damit sie die Weltherrschaft übernehmen könnten: Menschliche Kontakte, Beratung allgemein, Gesundheitsberatung, Verkehrsdienstleistungen, Bankgeschäfte, Einkaufen, Schule, Lernen und Bezahlen sind tendenziell nur noch über elektronische Medien zulässig! (2)

Das ist zwar sowieso die Tendenz auch ohne Quarantänen und Ausgangssperren, aber als Machenschaft eines Einzelnen Bösewichtes oder Verschwörung einer kriminellen Vereinigung ist es Fiktion, denn die Wirklichkeit ist eine andere. Es gibt nicht die eine steuernde Hand. Die neue Krankheit ist ein zufälliges Ereignis der Natur. Die Krise, in die sie uns geführt hat, ist dagegen die Folge aus strukturellen (Fehl-) Entscheidungen in der Vergangenheit, der Unterordnung unter das kurzfristige Gewinnstreben und der Machtgier der Gegenwart. Die Situation, in die wir nun gekommen sind, unterscheidet sich, was die Menschenrechte anbelangt, immer weniger von der in China. Dabei sind die Ergebnisse der rigorosen Maßnahmen und Anweisungen in Beziehung auf das Fortschreiten der Epidemie aber anscheinend viel schlechter als dort. Trotzdem muss die Diktatur Chinas nicht das Vorbild sein, wie man mit solch einer Gefährdung umgeht. Taiwan (3) und Südkorea zeigen, dass man auch ohne Diktatur eine Pandemie „in den Griff“ bekommen, d.h. die gesundheitlichen Schäden relativ zu den europäischen Ländern klein halten kann. Und das mit weit geringeren Einschränkungen für Menschenrechte und Schäden für die Wirtschaft. Und das liegt nicht vornehmlich daran, dass Taiwan eine Insel ist.

Ausbruch neuer Krankheiten und Seuchen kommt immer wieder vor. Da gibt es keine steuernde Hand, keine Schuldigen.

Irgendeinen Schuldigen / einen Bösewicht für den Ausbruch der Krankheit zu suchen, ist Quatsch. Die Frage zu beantworten, wer profitiert möglicherweise von der Situation, reicht nicht aus, um festzustellen, wer für sie verantwortlich ist. Die Mentalität: „Wenn ein*e Schuldige*r gefunden ist, ist ja alles gut“ hilft nicht weiter.

Denn das gibt es immer wieder und wird es immer wieder geben: Neue Krankheiten entstehen (4). Sie breiten sich ggf. explosionsartig aus (5).In der vernetzten Welt mit Verkehrsmitteln, in denen man in 24 Stunden fast jeden Winkel der bewohnten Erde erreichen kann, schneller als je zuvor. Noch unsinniger als vor Jahrhunderten sind Versuche, sich abschotten zu wollen. Sie unterstellen, Schuldige wären im Ausland oder in anderen Bevölkerungsgruppen zu suchen. Solche Abschottungsmaßnahmen, insbesondere wenn die Krankheit längst im eigenen Land grassiert, sind nichts als Propaganda der Tat mit der inhaltlichen Tendenz, ausländerfeindliche Hetze zu betreiben. Sie helfen nicht bei der Eingrenzung und Bekämpfung der Krankheiten. Das ist aber die Aufgabe der gesellschaftlichen und politischen Kräfte. Wir sind eine Weltgesellschaft. Und das gilt auch für die Krankheiten. Wenn sie nicht in der ganzen Welt unter Kontrolle ist, in einem beherrschbaren Rahmen eingedämmt wird, ist man nirgendwo sicher.

Gliederung

1. Die Krankheit ist real und keine Machenschaft von irgendwem. Sie ist gefährlich und muss eingegrenzt und bekämpft werden.
2. Das kann man nur mit dem Gesundheitssystem machen, das man hat. Dabei zeigt es, ob es den Anforderungen entspricht.
  2.1. Unser Gesundheitssystem als kapitalistisches Profitmodell kann Sicherheit nicht gewährleisten.
  2.2. Es werden viele Grundrechte von heute auf morgen, vorläufig nur auf kurze Zeit, außer Kraft gesetzt.
  2.3. Elemente eines Gesundheitssystems, mit denen die Zahl der Ansteckungen hätte vermindert werden können - bei geringeren Einschränkungen der Grundrechte.
3. Wirtschaftskrise wird vertuscht, so dass alle meinen, wir haben sie wegen einer Naturkatstrophe bekommen und nicht wegen der Krisenanfälligkeit des Wirtschaftsmodells.
  3.1. Wieder werden die Unternehmensprofite als systemrelevant von der Mehrheit getragen. Nie müssen die Unternehmen die einmal gemachten Gewinne wieder herausrücken. Der Staat wird als Gewinnversicherung missverstanden und ausgenommen. Kontrolle wird trotz Beteiligungen nicht ausgeübt.
4. Europa als übernationale Idee getragen von den Bürgern ist durch das Verhalten seiner Repräsentanten ernsthaft geschädigt worden. Davon wird sich die EU als Verkörperung der Idee eines solidarischen Europas nicht mehr erholen.

1. Die neue Krankheit
Corona ist eine neue ansteckende Krankheit der Atemwege. Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch über Tröpfcheninfektion der Atemwege und über Schmierinfektion wesentlich über die Hände. Sie wird vom Virus Sars-CoV-2 verursacht. Die Menschen haben noch keine Abwehrkräfte gegen ihn. Diese entwickeln sie erst, wenn sie angesteckt wurden. Den meisten Menschen gelingt es dann, gesund zu werden. An Corona sterben ca. ein Prozent der Erkrankten, wenn die schwer Erkrankten im Krankenhaus optimal behandelt werden z.B. mit Atemmasken und Sauerstoffzufuhr. Ein deutlich höherer Prozentsatz stirbt, wenn eine solche Intensivbehandlung nicht erfolgt, wie das anscheinend in Italien der Fall ist, wo inzwischen ca. acht Prozent der Erkrankten sterben.

Ob die Genesenen immun gegen eine erneute Ansteckung geworden sind, ist wahrscheinlich aber nicht sicher.
Arzneimittel gegen die Krankheit gibt es bisher nicht. Genauso wenig eine Impfung.
Die Behandlung im Krankenhaus lindert nur die Symptome so lange, bis der Patient selber eine Abwehr entwickelt hat oder der Krankheit erlegen ist. Die anfängliche Hoffnung, dass Sommerwetter die Verbreitung des Virus hemmt, hat getrogen, weil sich Corona auch auf der Südhalbkugel der Erde und in Spanien und Portugal ausbreitet, wo Sommerwetter herrscht. Deswegen kann man – anders als bei den jährlichen Grippewellen im Winter – nicht davon ausgehen, dass in wenigen Monaten die Gefahr von selber abebbt.

Corona ist gefährlich und wird lange andauern

1.1 Die Arzneimittelforschung sucht nach einem Gegenmittel und nach möglichen Impfstoffen. Wenn welche gefunden werden, müssen die erst einmal auf Nebenwirkungen hin geprüft werden. Das dauert lange, insbesondere weil auch die Auswirkungen auf Kinder im Mutterleib und auf Langzeitschäden getestet werden müssen, und weil Menschen nicht als Versuchskaninchen dienen sollen. Wir werden anscheinend sehr lange mit dieser Epidemie zu kämpfen haben. Und es wird viele Opfer geben.

1.2 Auf die Durchseuchung der Bevölkerung setzen alle Gesundheitspolitiken. Die Unterschiede bestehen nur in der Zeitperspektive. Solange keine Arzneimittel und bzw. oder Impfstoffe gegen die Krankheit verfügbar sind, setzt man darauf, dass die Menschen durch Ansteckung immun werden, und dann die Viren keinen Wirt mehr finden und die Menschen sie nicht mehr vermehren und weiter geben. Wie lange eine so erworbene Immunität anhält, ist auch unbekannt. Wenn ein hoher Prozentsatz einer Bevölkerung einmal angesteckt war und genesen ist, und dann die immunen Menschen die Viren nicht selbst wieder verbreiten, verlangsamt sich die Ausbreitung der Krankheit, weil die meisten Kontakte der noch anfälligen Menschen mit Menschen erfolgen, die immun und daher keine Träger und Verbreiter des Virus Sars-CoV-2 mehr sind. Das nennt man dann Herden- oder Gruppenimmunität. Die kann eine Bevölkerung schneller oder langsamer erreichen. Ein Infizierter steckt dann nicht, wie am Anfang der Epidemie, zwei bis drei Gesunde an, sondern im Durchschnitt weniger als eine weitere Person. Dann klingt die Epidemie – also die massenhafte Ausbreitung der Krankheit – ab. Aber die Möglichkeit, dass man sich die Krankheit einfängt, bleibt ständig erhalten.

1.2.1. Auf diese Durchseuchung der Bevölkerung setzen die Gesundheitspolitiker aller Länder. Die meisten auf eine möglichst langsame, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Nur Holland verfolgt gegenwärtig noch einen anderen Kurs (6): Die jungen Menschen sollen schnell mit dem Virus in Kontakt kommen. Bei ihnen verläuft die Krankheit meist glimpflich, so dass sie das Gesundheitssystem, sprich die Krankenhäuser, nicht aufsuchen und belasten. Die Alten und durch Vorerkrankungen Geschwächten (7) sollen sich dagegen vor jeglichen Ansteckungsgefahren so lange schützen, bis ihre Umgebung relativ schnell immun geworden ist. Die Kontaktpersonen sind dann keine potentiellen Krankheitsüberträger mehr. Dadurch leben die stärker Gefährdeten dann in einer weitgehend sicheren Umgebung, was die Ansteckung durch diese Krankheit anbelangt. Wenn es sie dann doch erwischt, dann sind es Einzelfälle, die das holländische Gesundheitssystem nicht überlasten. Englands Premierminister Johnson setzte zunächst auch auf diese Strategie und wollte die Schulen nicht schließen lassen. Proteste in der Bevölkerung haben ihn aber zu einem Kurswechsel veranlasst.

1.3 Die Ausbreitung einer solchen hoch ansteckenden Seuche geht im Prinzip rasend schnell. Sie zu verlangsamen oder gar zu stoppen ist objektiv schwer. Denn jeder Mensch kommt eigentlich täglich mit mehreren anderen in näheren Kontakt. Die kann er dabei alle anstecken. Das vervielfacht die Anzahl der Infizierten möglicherweise täglich um einen hohen Faktor je nach der Zahl seiner Kontaktpersonen. Als rein mathematisches Modell zeige ich am Ende Mal die Zahlen und ein Diagramm, das auf der relativ milden Annahme beruht, dass jeder Infizierte innerhalb von drei Tagen nur zwei weitere Menschen ansteckt. Das würde dann zu einer Verdoppelung der Infizierten innerhalb von drei Tagen führen. In Worten ausgedrückt, würde es dann vom ersten Infizierten bis zu einer Zahl von 1.000 rund 33 Tage dauern. Weitere rd. zehn Tage bis Zehntausend angesteckt sind, weitere rd. zehn Tage bis 100.000 übersprungen werden, und in jeweils weiteren rd. zehn Tagen werden die Millionen usw. erreicht. Rein rechnerisch wäre die Bevölkerung Deutschlands mit seinen 83 Millionen Einwohnern nach 82 Tagen seit der ersten Ansteckung vollkommen durchseucht. Diese abstrakte Modellrechnung soll nur vor Augen führen, wie rasend schnell sich eine anfänglich harmlos wirkende Situation ändern kann. Realistisch ist diese Rechnung insofern nicht, weil Anfangs wahrscheinlich mehr als nur zwei Personen von jedem Virusträger innerhalb von drei Tagen angesteckt werden. Am Ende wahrscheinlich deutlich weniger, weil ein Angesteckter auf immer mehr immune Personen trifft und das Verhalten sich auf Grund der vermittelten Erfahrungen der Menschen geändert haben wird, so dass Ansteckungen immer seltener werden. Siehe das Diagramm in logarithmischem Maßstab im Anhang.

Nicht die Menschen werden geschützt, sondern das Gesundheitssystem

2. Epidemie und Gesundheitssystem
Die offizielle Begründung für die die Bevölkerung einschränkenden Maßnahmen ist: Nicht die Menschen müssen geschützt werden, sondern das Gesundheitssystem! Unser Gesundheitssystem verkraftet keine hohe Zahl an ansteckenden Schwerstpflegefällen. Es bräche unter dem Ansturm einer sich natürlich ausbreitenden Durchseuchung zusammen. Es könnte - wie in Italien jetzt schon - nicht mehr jedem geholfen werden. Die Ärzte müssten dann entscheiden, wer mit den wenigen, unzureichenden Mitteln am Leben gehalten werden und wer sterben soll. Aus Solidarität müssten deswegen alle bei den einschränkenden Maßnahmen freiwillig mitmachen. Und wenn nicht, so brauchen wir die Staatsgewalt – d.h. Ausgangssperren oder ähnlich einschränkende Ge- und Verbote. Deutschland habe pro Kopf sehr viel mehr Schwerstpflegebetten als Italien und viele andere Länder und sei deswegen gut aufgestellt im Kampf mit dieser Epidemie.

Maßstab für ein öffentliches Gesundheitssystem
Zu den wichtigsten Aufgaben des modernen Sozialstaates gehört es, dass die Bevölkerung Zugang zu den Gesundheitsdienstleistungen auf dem Stand der Erkenntnisse der Wissenschaft und den Möglichkeiten der Technik hat. Zur Sicherheitspolitik gehört es auch, die Kapazitäten vorzuhalten, die in Sondersituationen gebraucht werden, aber wirtschaftlich nicht zu erbringen sind. Diese Krankendienstleistungen müssen - wie die Feuerwehr - für Situationen vorgehalten werden, die möglichst nicht eintreten, aber eintreten können. Es gibt so viele Beispiele, dass räumlich konzentriert plötzlich viele Menschen weit über den normalen Bedarf hinaus ärztlich versorgt werden müssen, dass klar ist: Wirtschaftlich können diese selten genutzten, dann aber schnell einmal dringend gebrauchten Kapazitäten nicht vorgehalten werden. Das ist eine typische Aufgabe der öffentlichen Gesundheitspolitik, dafür Vorsorge zu schaffen. Dass immer wieder Epidemien ausbrechen, ist nicht nur historisch aus der Spanischen Grippe von vor hundert Jahren, sondern auch in der Gegenwart eine immer wiederkehrende Erfahrung. Und es sind auch nicht nur Ausbrüche von neuen Krankheiten wie Ebola oder Zika in anscheinend exotischen Staaten wie die Afrikas oder Lateinamerikas, sondern auch solche Ereignisse wie SARS oder Mers mit ihren hohen Sterberaten in Asien, die diese Gefahr, auf die man sich vorbereiten muss, immer wieder aktuell halten. Die letzte, die uns unmittelbar betraf, war AIDS. Viele sind unter elenden Umständen daran gestorben. Zuerst wurden sie auch noch verachtet. Sie sollten ausgegrenzt und in Lager gesperrt werden. Es hat viele Jahre gedauert, bis medizinische Erkenntnisse und Maßnahmen den Infizierten ein gutes Leben in Würde ermöglichte. Unser Gesundheitssystem, auch der Krankenhäuser im öffentlichen Besitz, ist dem Wirtschaftlichkeitsdenken untergeordnet worden. Notfallkapazitäten wurden nicht mit eingeplant.

2.1. Die öffentlichen Krankenhäuser wurden praktisch den privaten Krankenhäusern gleich gestellt. Sie sollen mit den mit den Krankenkassen ausgehandelten Fallpauschalen ihren Betrieb ohne öffentliche Zuschüsse betreiben. Nur die Investitionskosten sollen die öffentlichen Hände aufbringen.
Aber die Bereitstellung von Notfallkapazitäten ist so nicht möglich. In Bremen wird auf dem alten Krankenhausgelände Mitte eine neue Klinik gebaut. Es sind dabei keine Flächen und Kapazitäten für massenhafte Notfälle eingeplant. Auch keine Flächen, auf denen Behelfsbauten, oder Zelte errichtet werden könnten.
Die öffentliche Gesundheitsversorgung ist völlig dem unternehmerischen Profitdenken untergeordnet worden. Irgendwelche Sicherheitskapazitäten bestehen nicht mehr. Es fehlt an allem. In den Asiatischen Gesellschaften laufen alle mit Atemschutzmasken herum. In Deutschland fehlen ausreichende Mengen schon nur für das Krankenhauspersonal. Deswegen wird die Bevölkerung zwar angewiesen, zu Hause zu bleiben, aber nicht, Atemschutzmasken zu tragen: Die gäbe es nämlich gar nicht in ausreichender Zahl.

Das öffentliche Gesundheitssystem muss Überkapazitäten für Notfälle insbesondere mit vielen Betroffenen vorhalten

2.2. Es wird gesagt, in Deutschland gäbe es sehr viel mehr Schwerstpflegefall-Betten als in Italien. Das stimmt wohl, aber nur, weil in Deutschland das Operieren von den Kassen so vergütet wird, dass in Deutschland aus wirtschaftlichen – nicht aus gesundheitlichen – Gründen mehr als in anderen europäischen Ländern operiert wird. Jetzt könnten die z.T. frei gemacht werden für die zu erwartenden schweren Corona-Fälle – und die medizinisch nicht notwendigen Operationen verschoben werden. Aber die privaten Krankenhäuser wollen das nicht, weil sie damit ihre lukrativen Fälle verlieren. Deswegen sind diese Durchschnittsrechnungen, wie gut doch Deutschland aufgestellt sei, Ideologie. Die wird ggf. teuer, weil die öffentliche Hand dort die Kapazitäten ankaufen und einen Gewinnausgleich bezahlen muss.

2.3. Aber abgesehen von den Undeutlichkeiten einer solchen Statistik, in der gar nicht berichtet wird, wer über die Betten, Beatmungsgeräte usw. verfügt, sind auch die übrigen Statistiken mit Vorsicht zu genießen. Wie viele sich angesteckt haben, ist völlig unbekannt. Es gibt nur Zahlen, wie viele positiv auf das Virus getestet wurden. Aber das hängt wohl mehr mit der Kapazität und dem Willen zusammen, Menschen zu testen und die Tests auszuwerten, als mit der wirklichen Zahl der Infizierten. Wer in welchem Fall getestet wird, ist eher dem Zufall überlassen. Da es offensichtlich Infizierte gibt, die keine Symptome der Krankheit zeigen, werden die auch nicht getestet. Noch weniger ihre Umgebung, die gar nichts davon weiß, dass jemand im Umfeld Coronaviren verbreitet.

Statistische Angaben zu den Coronafällen und der potentiellen Vorsorge sind wenig aussagekräftig

2.4. Es fehlt auch das Reservepersonal. Klar ist, dass es für schwere Unfälle und Epidemien, wie bei der freiwilligen Feuerwehr oder beim Militär, Freiwillige bzw. Reservisten geben muss, die zwar regelmäßig üben, aber gewöhnlich einem anderen Beruf nachgehen. Nur im Notfall werden sie gerufen. So etwas scheint es in Deutschland gar nicht zu geben – ich dachte das THW würde solche Kapazitäten vorhalten. Jetzt stellt zwar die Bundeswehr Lazarettpersonal zur Verfügung. Aber einerseits ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, und andererseits ist der Großteil dieser Lazarettkapazitäten auch in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr gebunden.

Es fehlt auch ausgebildetes Notfallpersonal. Eine Reserve muss ausgebildet werden

Auch die Arzneimittelversorgung beruht inzwischen auf China und Indien. Arzneimittel bekommen wir praktisch nur noch aus Asien. Eine Fachfrau im Fernsehen (8) äußerte sich drastisch in dem Sinne: China brauche keine Atomwaffen. China sei der einzige Hersteller für Antibiotika. Die chinesische Führung bräuchte nur die Auslieferung an uns einzustellen und wir hätten bald so viele Tote wie nach dem Abwurf von Atombomben – nur etwas langsamer. Und dieses Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung nimmt unser Sachwalter, dem wir unser Sicherheit anvertraut haben, auf uns, nur weil die Pharmakonzerne dort mehr Gewinne erwirtschaften. Wir haben in der Vergangenheit begründet mit dem Sicherheitsargument schon riesige Subventionen gezahlt: Waren es einst die nationale Kohlereserve oder die Butterberge und Milchseen. Wenn die Subventionsgründe wegfielen, wurden auch die Sicherheitsideologien auf Wiedervorlage abgeheftet. Da, wo es für die Sicherheit der Bevölkerung essentiell ist, weil es um Tod oder Leben geht, bei der Gesundheitsnotfallinfrastruktur gibt es keinerlei Sicherheitsrücklagen. Einschränkung vieler Grundrechte ist Folge des Profitstrebens im Gesundheitssektor.

2.5. Diese Auslieferung der Sicherheitsarchitektur im Gesundheitswesen an die Logik des kurzfristigen Gewinnstrebens ist der Grund, weswegen bei uns die meisten Grundrechte eingeschränkt werden und sich Panik verbreitet und Panik auch verbreitet wird. Durch die angeordneten Maßnahmen werden praktisch die Grundrechte freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Kunstfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit, eine Religion auszuüben, die Freizügigkeit, die Freiheit der Berufsausübung und das Asylrecht aufgehoben. Und es gibt kaum erkennbare Kritik daran. In den Medien – und das sind hauptsächlich die öffentlich-rechtlichen und die „seriösen“ Zeitungen - habe ich nur einmal in einem Feuilletonbeitrag eine kritische Stimme gelesen. Sonst war es nur Unterstützung für den Regierungskurs.

Arznei- und Hilfsmittelversorgung ist nicht mehr gesichert, weil dem kurzfristigen Gewinnstreben untergeordnet

2.6. Elemente einer vorsorglichen Politik gegen aufkommende Epidemien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt als Zentrum und Voraussetzung einer erfolgreichen Epidemie-Eindämmung: Testen, testen, testen Das heißt: Bei Auftauchen einer ansteckenden Krankheit muss möglichst früh begonnen werden, die gesamte Bevölkerung darauf zu testen, wer infiziert ist und wer nicht. Das darf nicht auf die beschränkt werden, die schon typische Symptome der Krankheit zeigen. Wir wissen, dass viele junge Menschen keine sicht- oder fühlbaren Erscheinungsformen der Krankheit aufweisen, obwohl sie infiziert sind. Die Infizierten müssen dann schnell in wirksame Quarantäne geschickt werden. Deren Kontaktpersonen seit dem Test, müssen sofort wieder getestet werden, ob sie sich angesteckt haben. Die sich nicht angesteckt haben, können ohne Einschränkungen ihren normalen Tätigkeiten nachgehen – bloß eben nicht Kontakt mit Infizierten aufnehmen oder pflegen.

2.6.1. Das erfordert das Vorhalten von vielen Gerätschaften, Labors und kurzfristig zu mobilisierendes Fachpersonal. Dafür wären am Ehesten die örtlichen Gesundheitsämter zuständig. Sie wären entsprechend auszurüsten und mit Personal auszustatten. Diese Personen wären überwiegend als stille Reserve im Normalfall anderswo tätig ist und würden nur im Fall der Gefahr mobilisiert – Modell freiwillige Feuerwehr.

Es wäre bei gutem Willen leicht möglich, einen viel wirksameren Gesundheitsschutz bei weit geringerer Einschränkung der Grundrechte und der wirtschaftlichen Aktivitäten zu organisieren

2.6.2. Das Testen ginge z.B. bei den Schulen und Kitas los. Z.B. wird getestet, wer die Schule verlässt. Die Tests würden umgehend ausgewertet. Die Gesundheitsämter, Kliniken und wer sonst noch in Frage käme, müssten so viel Kapazitäten vorhalten, dass nach dem Stand der aktuellen Technik die kürzeste Testdauer eingehalten werden kann. Möglichst noch am selben Tag soll den Schüler*innen und ihren Eltern mitgeteilt werden, ob die Kinder infiziert sind. Das Lehrpersonal würde natürlich ebenso getestet und informiert. Am nächsten Tag würden schon nur noch Personen mit negativen Testergebnissen zusammenkommen. Es sollten nämlich möglichst nicht ganze Klassen, Schulen oder gar ganze Blöcke und Gemeinden Personen auf Verdacht in Quarantäne geschickt werden.

2.6.3. Die Ergebnisse der Tests könnten z.B. in einen personalisierten QR Code übersetzt und so als maschinenlesbares Zeichen auf die Haut z.B. der Stirn oder der Handrücken gestempelt werden. Dabei könnte eine ganze Reihe von Informationen enthalten sein. Neben, ob infiziert oder nicht, ob Kontakt mit einem Infizierten bestanden hat und ggf. wann, Name usw. Man kennt solche Stempel von Musikveranstaltungen, Wahlen etc. Sie sollen so eingestellt sein, dass sie sich nach einer Woche oder anderer Zeitperiode abwaschen lassen, weil das Ergebnis auch verfällt. Solange die Epidemie grassiert, müssen die Tests wiederholt und die Stempel erneuert werden.
Jedes Handy hat heute ein Programm, um QR Codes zu lesen. Es würden von der zuständigen Stelle, also z.B. den Gesundheitsämtern, die Leseprogramme verteilt. Dabei kann danach unterschieden werden, ob die Lesesoftware nur erkennen kann, ob die Person positiv oder negativ getestet wurde, oder auch mit Namen und anderen persönlichen Merkmalen, so dass damit – wie z.B. bei einer Schule – auch eine Einlass- / Zugangskontrolle für bestimmte Personen verbunden werden kann.
Entscheidend ist dabei, dass die Mehrzahl der Menschen ihren Alltagsgeschäften weiter nachgehen könnte. Und jeder mit seinem Handy feststellen könnte, ob eine andere Person potentiell ansteckend ist oder nicht. Denn soweit wäre das Leseprogramm allgemein verfügbar, ob die Person auf den Virus positiv oder negativ getestet wurde (9).

2.6.4. Mit solchen generellen Tests könnte man auch räumliche Quarantänemaßnahmen leichter umsetzen. Heute werden ohne Ansehen der Personen nationale Grenzen gesperrt, um das Einschleppen des Coroanvirus zu unterbinden. Dabei sind die Ländergrenzen gar nicht die wesentlichen Probleme der Verbreitung, sondern die Städte und Regionen mit mehr oder weniger Infizierten. Mit solchen regelmäßig wiederholten Tests könnten einerseits die Konzentrationsgebiete viel genauer lokalisiert werden (10), und Reisebeschränkungen dann einerseits personalisiert und damit erheblich eingeschränkt und andererseits von den nationalen Grenzen weg verlegt werden. Sachliche Begründung für Reisebeschränkungen würde vorurteilsbehaftete nationale Begründungen ersetzen.
Über Datenschutz will ich mich an dieser Stelle nicht auslassen. Da bei uns wegen Gesundheitsschutz viele Grundrechten massiv einschränkt werden, die durch solch eine beschriebene Maßnahme wieder in Funktion gesetzt würden, wäre in der Güterabwägung der Datenschutz sicher nicht vorrangig vor all den anderen Grundrechten, die damit gerettet würden.

2.6.5. In Asien bewegen sich die Menschen fast nur mit Atemschutzmasken in der Öffentlichkeit. Da gibt es sicher verschiedene Qualitäten. Bei uns scheitert das nicht vornehmlich am Verhalten, sondern an der Verfügbarkeit. Die Millionen Exemplare, die wir bräuchten, stehen einfach nicht zur Verfügung, weil sie weder auf Lager liegen noch hier produziert werden. Es müsste entsprechende Vorschriften geben, dass wirksame Schutzmasken in entsprechenden Situationen zu tragen seien, und dem gemäß müsste für eine ausreichende Bevorratung gesorgt werden. Die Verteilung könnte z.B. parallel zu der der Gelben Säcke organisiert werden. Ähnliches gilt für das Tragen von Handschuhen.

2.6.6. In der Öffentlichkeit und an Orten, wo viele Menschen zusammen kommen, müsste – wie in vielen asiatischen Ländern – ständig desinfiziert werden – zu aller erst Türklinken in öffentlichen Gebäuden. Das gilt besonders für die Haltestangen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. In Bremen lehnt die BSAG, die Betreiberin der Straßenbahnen und innerstädtischen Buslinien, das ab, weil die Wagons und Haltestangen im Laufe einer Fahrt ja wieder kontaminiert werden könnten. Mit der Begründung könnte jede Reinigungstätigkeit in jedem Haushalt und jedem öffentlichem Raum eingestellt werden. Diese BSAG dünnt ihren Verkehrstakt auch wegen der Schulschließungen und Veranstaltungsverbote aus, weil die Nachfrage geschrumpft sei. Das zur Sicherheit vor Ansteckung anempfohlene Abstandsgebot für die Personen, das man gerade im ÖPNV praktisch nicht einhalten konnte, hätte man nun bei Alltagsbetrieb und zurückgedrängter Nachfrage einhalten können. Die BSAG reduziert daraufhin das Angebot so, dass die alte Drängelei wieder hergestellt wird. Die BSAG ist ein öffentlicher Betrieb Bremens.

2.7. Allerdings sind wir durch die Auslieferung des Gesundheitswesens an den Profit objektiv in eine Lage geraten, in der wir kurzfristig gar nichts anderes als Kontakteinschränkungen machen können. Die Lage ist da und wir sind Opfer dessen, dass wir uns das in den vergangenen Jahrzehnten haben gefallen lassen. Wir sind eingepfercht und uns wird vorgeschrieben, was wir zu tun und zu lassen und wo wir uns aufzuhalten haben usw.
Die Menschen müssen ja vor dem Schlimmsten, dem Tod durch diese Krankheit, möglichst geschützt werden. Aber wir werden jetzt nur vor die Alternative gestellt, Corona alle früher, dann aber möglicherweise die nötige Behandlung nicht zu bekommen, oder sich vielleicht später gleichzeitig mit wenigen Anderen anzustecken, und dann eine größere Chance auf die richtige Behandlung zu haben. Es wird uns nicht angeboten, die Krankheit gar nicht zu bekommen. Die Hoffnung, so lange verschont zu bleiben, bis es wirksame Impfungen gibt, ist zu vage.
Es ist für den normalen Bürger so schwierig, immer auch darauf noch zu achten, dass die wesentlichen Sicherheitsbedingungen im Gesundheitssystem nicht an Parteispender oder andere Interessenten verscherbelt werden und gleichzeitig wachsam zu bleiben, dass das öffentliche Gesundheitswesen nicht zu einer Pfründe von Parteifunktionären wird – wozu ja die Politiker leider neigen, die zum anderen Straßengraben hin tendieren.

In der Situation, in die uns unsere Politiker hineinmanövriert haben, müssen wir zum Schutz der Gesundheit nun in den sauren Apfel beißen und all die Einschränkungen über lange Zeit hinnehmen. Die Lage ist nun einmal so. Wir müssen tatsächlich die explosionsartige Ausbreitung vermeiden. Dabei werden wir nicht persönlich geschützt. Wir werden uns früher oder später anstecken. Wir schützen damit nur das Gesundheitssystem, damit es aktuell nicht zusammenbricht. Und damit schützen wir indirekt ggf. uns selbst davor, dass wir im Fall schwerer Symptome vom Arzt als nicht mehr lebenswert bewertet und deswegen ins Sterbezimmer abgeschoben werden. Wir hoffen stattdessen der Intensivpflege würdig erachtet und so gerettet zu werden.

2.8. Das Gesundheitssystem muss wieder zum allgemeinen Sicherheitssystem werden. Einerseits Investitionen in ein Testinfrastruktur, die flächendeckendes Testen schnell und wiederholt ermöglicht, und Betten und Ausrüstung über den aktuellen Bedarf hinaus und andererseits Schulung von freiwilligen Helfern, die im Allgemeinen einer anderen Beschäftigung nachgehen, aber jährlich wie Reservisten ihr Wissen und Können auffrischen – eben wie Feuerwehrleute – und im Krisenfall eingesetzt werden können.

3. Die Wirtschaftskrise

3.1. Die Wirtschaftskrise stand sowieso an. Die deutsche Industrie lieferte schon deutlich weniger aus. Außer im Wohnungsbau gab es Sachinvestitionen etwa in der Größenordnung der Abschreibungen aber kaum mehr. Die Finanzblasen dehnten sich immer weiter aus – und dort wurden auch immer mehr Geschäfte auf Kredit gemacht. Die Zentralbanken förderten die Zockermentalität mit immer freigiebigerer Geldpolitik. Es gab eine Inflation bei den Vermögenswerten z.B. Immobilien vornehmlich in Großstädten, die spekulativ waren. Sie waren nicht mehr rückgekoppelt mit der Zahlungsfähigkeit der Mieter. Die Aktienkurse erreichten neue Allzeithochs noch über denen vor der Finanzkrise. Es drohte, dass bei einer neuen Finanzkrise die Systemfrage lauter als während der Finanzkrise gestellt würde. Damals hatte man versprochen, jetzt werde man die Finanzmärkte sicherer machen. Nicht noch einmal werde die Öffentlichkeit für die Zockermentalität der selbst ernannten „Master of the Universe“ zahlen. Jetzt würden für jedes Risiko die Shareholder selber herangezogen. Die Staatsverschuldung werde eingedämmt.

Eine Rezession war schon absehbar

Es ist seitdem aber kaum etwas in dieser Richtung passiert. Schon das kleine Wetterleuchten, als eine italienische Bank (11) praktisch pleite war, und sie doch wieder vom Staat gerettet wurde, zeigte das. Nun drohte in vielen Wirtschaftsbereichen größeres Ungemach. Die meisten Staaten hatten munter weitere Schulden aufgehäuft – Deutschland allerdings gehört zu denen, die tatsächlich Schulden abgebaut haben. Die Wachstumszahlen in China – als dem Wachstumsmotor in den vergangenen Jahren – gingen zurück. Die von den USA entfachten Wirtschaftskriege behinderten den Welthandel. Staatslenker in Erklärungsnot. Corona Pandemie ist die perfekte Ausrede

3.2. Die Staatenlenker ahnten, dass sie unangenehme Fragen zum Wirtschaftssystem zu beantworten hätten, wenn es wieder zu Krise und Arbeitslosigkeit und sinkenden Einnahmen käme, und die einfachen Beschäftigten und Steuerzahler wieder den Anleihebesitzern ihr Eigentum garantieren sollten. Da kam die Corona-Pandemie. Sie kam zur rechten Zeit. Sie ist nun an allem schuld. Es ist nicht das Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, den zu retten voriges Mal als Begründung ausgereicht hatte, riesige Transfers zugunsten der Banken durchzusetzen, es sind nicht etwa wieder die Finanzkonzerne, die Fass ohne Boden für die Einkommen der einfachen Bürger werden, nein, es ist der Corona-Virus, der alles Schlechte bewirkt.

Die Finanzmärkte haben ihr altes Spiel weiter gespielt. Die Staatsverschuldung ist weiter gestiegen – wenn auch nicht in Deutschland

Der soll machen, dass Stahl (12), Maschinen und Autos nicht mehr gekauft werden, der soll dafür verantwortlich sein, dass die Staaten ihre Schulden nicht mehr bedienen können usw. usf. Die Maßnahmen des Staates legen zusätzlich einen beträchtlichen Teil des privaten Dienstleistungsbereichs still (und einen kleineren Teil der unternehmensbezogenen Dienstleistungen, der zwar größer ist als der für den privaten Konsum, der aber nicht so sichtbar ist) und verschärfen so die Krise noch erheblich. Egal, mit dem ideologischen Joker Naturkatastrophe, jetzt müssen wir alle zusammenstehen, kann man alles machen, selbst das Versenken von Arbeitsplätzen als Rettungsaktion vortäuschen: Machterhalt, koste es die Bevölkerung, was es wolle. Jeder könne doch sehen und erleben: Der Staat schütze die Bürger, indem er ihnen das Konsumieren in Gemeinschaft verunmöglicht. Dadurch hätten die Unternehmen (natürlich wird jetzt hauptsächlich von den Soloselbstständigen, den Kneipiers und sonstige Unternehmen, die im unmittelbaren Blickfeld der Bürger stehen, gesprochen, nicht von solchen wie SAP, Infineon, Wirecard usw.) kein Geld mehr. Die Pandemie sei verantwortlich für die Krise. Um Ausfallversicherungen, wie z.B. Hausbesitzer Elementarschadensversicherungen abschließen und bezahlen, brauchen sich Unternehmen nicht zu kümmern (13).

Das Motto „Wenn ein*e Schuldige*r gefunden ist, ist ja alles gut“ beherrscht die öffentliche Diskussion um die Wirtschaftskrise. Der Schuldige heißt Corona. Für alle negativen Maßnahmen soll man sich bei ihm beschweren.

Der Staat fungiert für die Unternehmen als Vollkaskoversicherung. Also muss er zahlen. Also werden jetzt schon wieder Rettungspakete für Unternehmen, Banken und Staaten geschnürt, die so gigantisch sind, dass sich das kein normaler Mensch mehr vorstellen kann. Auch die vielen Institutionen, die nun „Geld spenden“ sind für einen Normalbürger nicht mehr überschaubar. Aber auch ohne eine konkrete Vorstellung ahnt er dunkel: Auf seine Kosten werden Verpflichtungen wieder an die reichen Besitzer übernommen, die noch weit größer sind, als die mit der Rettung der Banken in Folge der Finanzkrise eingegangen wurden. Schon allein die öffentlichen Hinweise, dass der Staat auch für die Mieten der Gewerbetreibenden – sowohl die Geschäftsmieten als auch die Wohnungsmieten – als fixe Kosten eintreten wolle, zeigt, dass wieder einmal das Kapital bedient wird. Kein Unternehmen kann so leicht auf Einnahmen verzichten wie Immobilienkonzerne, denn deren Einnahmen gehören in der Regel ja nicht zum Lebensunterhalt der Kapitaleigner. Sogar der schlecht beleumundete Wohnungsbaukonzern VONOVIA hatte schon angeboten, den von der Kurzarbeit Betroffenen mit der Miete entgegen zu kommen (14). Das kann sich die VONOVIA nun schenken, weil sie vom Finanz- und Wirtschaftsminister anscheinend großzügig beschenkt wird. Der Bundesgesetzgeber soll laut Ankündigung der Bundesregierung die Mietgesetze so ändern, dass Mieter, die wegen Einkommensverlusten ihre Miete ab April nicht zahlen können, deswegen nicht gekündigt werden dürfen. Das wäre so ein Gesetz, die Miete nur zu stunden, nicht darauf zu verzichten. Also auch da eine Bevorzugung des Kapitals vor den übrigen Einkommen.

Der Staat funktioniert für die Unternehmen als Vollkaskoversicherung

Wir werden durch die so verursachte tiefe Rezession insgesamt ärmer. Die Produkte und Dienstleistungen, die durch diese Krise und sie verstärkenden Maßnahmen alle nicht erbracht, können nicht nachgeholt werden. Das gilt nicht nur für die nicht genossenen Dienstleistungen in Gaststätten und nicht vorgeführten künstlerischen Darbietungen, die nur während sie geleistet auch konsumiert werden können, sondern auch für die Waren, die nicht produziert werden. Die Arbeit, die nicht verausgabt wurde, kann nicht nachgeholt werden. Dieser Teil der potentiellen Lebensarbeitszeit, der mit Nichtstun bzw. unproduktiv verbracht wurde, kann nicht durch Verlängerung des Lebens ersetzt werden. Arbeitszeit kann man nicht (in nennenswertem Umfang) sparen und später verausgaben, weil es Lebenszeit ist, die vergeht und die man auch nicht sparen kann.

Wir werden durch die so verursachte tiefe Rezession insgesamt ärmer

Das gälte selbst, wenn der Staat versprechen würde, alle Einkommensverluste auszugleichen. Dem Geld, das er dafür nominell austeilen könnte, stehen keine entsprechenden Leistungen gegenüber. Denn deren Herstellung wird ja gerade still gelegt. Wenn der Staat diese Ausgaben auf Kredit, für die Staatsanleihen ausgäbe, finanzieren sollte, müssten die über Steuereinnahmen zurückgezahlt werden. Da Staatsanleihen bekanntlich praktisch in nennenswertem Umfang nur von Reichen gekauft, die Steuern aber von allen bezahlt werden, wäre das auch aus dieser Sicht wieder eine Umverteilung von den Armen zu den Reichen.
Aber es ist auch nicht beabsichtigt, alle wegbrechenden Einnahmen z.B. durch Kurzarbeit bzw. Kurzarbeit null der Beschäftigten und nicht ausgeführte Dienstleistungen von Selbständigen, Gewinne von Unternehmen, voll auszugleichen. Sie sollen alle auf einen Teil ihrer sonst zu erzielenden Einnahmen / Einkommen unmittelbar verzichten wie immer man sie nennt. Nur von den Zinseinnahmen der Banken, den Prämien der Versicherungen, den Mieten der Immobilienbesitzer u.a. ist dabei nicht die Rede.

Die Verluste sollen je nach Einkommensart ungleich aufgebürdet werden

Die Corona-Krise ist die perfekte Ideologie für ein erneutes kapitalistisches Stabilisierungsprogramm. Diese Wirtschaftskrise wird als Corona-Rezession in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Kaum einer wird auf die Idee kommen, dass die Politiker nur beherzt zugegriffen haben, als ihnen die Natur diese Verschleierungsmöglichkeit für ihren erneuten tiefen Griff in die Taschen der normal arbeitenden Bürger anbot.
Die Erkenntnis, dass wir mit einem auf Volksgesundheit auch in Katastrophen ausgerichtetem Gesundheitssystem möglicherweise nicht in die häusliche Isolierung hätten geschickt werden müssen, und dann die Wirtschaftskrise trotz dieser historisch einmaligen Umstände als solche klar hätten erkennen können und sie nicht noch durch die Maßnahmen des Staates vertieft worden wären, hilft niemandem. Zu viele Konjunktive (15).

4. Europa hat seinen Geist verloren. Europa ist praktisch kaputt. Da wird nichts mehr draus. Das Heilige Römische Reich hat sich nach den Religionskriegen seit dem 16. Jahrhundert hingeschleppt, bis es Anfang des 19. Jahrhunderts auch formell aufgelöst wurde.

Dass Europa sich nicht auf die Aufnahme von Flüchtlingen einigen konnte, war schon ein Hinweis darauf: Die Europäer verbinden nicht die gleichen Werte. Dass das Grundrecht auf Asyl ohne Parlamentsbeschluss und ohne Gerichtsentscheidung einfach administrativ aufgehoben und beim Überflug der höchsten Repräsentanten der EU über die Grenze zur Türkei das auch noch spektakulär bekräftigt wurde, zerstört Europa auch als einen Raum der Rechtsstaatlichkeit.

Europa ist kaputt

Einige Befürworter Europas haben trotzdem Hoffnung gemacht, nach dem Brexit werde Kontinental – Europa (+Irland) umso enger zusammenarbeiten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Abschottung mit der Begründung, sich vor dem Coronavirus aus den Nachbarländern schützen zu wollen, obwohl es sich doch im Inland schon längst eingenistet hatte und heftig verbreitete, ist wegen seiner Unlogik so niederschmetternd für den Gedanken an ein geeintes solidarisches Europa (16). Genauso wie die Länder durch die wieder eingeführten Grenzkontrollen einerseits den freien Personen- und Gedankenaustausch behindern, und andererseits die nationalen Vorurteile und Feindschaften wieder befeuern, zeigt, dass ein Einigungswille auch nicht mehr vorhanden ist. Es wird den krudesten Instinkten Lauf gelassen und sie werden mit populistischen Schnellschüssen noch befeuert.

Das wird noch dadurch weiter bestärkt, dass die Schutzbekleidung für das Krankenhauspersonal, das in manchen Ländern knapp wurde, zum nationalen Eigentum erklärt und seine Ausfuhr in andere europäische Länder verhindert wurde. Diese Verhaltensweisen liegen der Sache eines Zusammenschlusses und insbesondere dem Geist nicht nur fern, sondern sind aktiv gegen eine europäische Solidarität und Einheit gerichtet (17). Deswegen glaube ich nicht, dass sich die EU noch einmal als Ansatz für eine Einigung der Völker Europas bewähren wird. Vielleicht platzt ja schon bald das Projekt der einheitlichen Währung und dann fliegt die ganze EU auseinander. Wenn nicht, wird die EU vielleicht noch so dahindümpeln wie einst das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Gegenwärtig mobilisiert die EU noch einmal riesige Kreditmittel für die Länder der EU. Diesmal anscheinend ohne die harschen Sparauflagen zulasten der Bevölkerung in den Ländern wie zur Zeit der Finanzkrise. Aber die Wirtschaftskrise wird trotz Kurzarbeitergeld zu erheblicher Verarmung großer Teile der Bevölkerungen Europas führen. Solange es aber einen öffentlichen Finanztopf gibt, aus dem etwas zu schöpfen ist, werden sich Leute um ihn scharen. Aber als Volksbewegung ist die EU tot (18).

Europa ist kein Rechtsstaat mehr

Zum 250 Jahr der Geburt von Friedrich Hölderlin kann man sich seiner Zeile der abstrakten Hoffnung aus seiner Patmos Hymne erinnern
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.
Dies muss sich dann aber auf einen neuen, von unten kommenden Internationalismus beziehen, und nicht die sich selbst kompromittierende EU.

Fußnoten

(1) https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/grippe-pest-und-cholera-100.html
(2) Das wäre doch eine wunderschöne Vorlage für einen James Bond Krimi nach dem Titel, den es schon Mal gab: „Eine Welt ist nicht genug“.
Was in China schon weitgehend praktiziert wird, das macht unsere westliche Welt auf ganz ähnliche Weise.
(3) https://www.tagesspiegel.de/wissen/coronavirus-erfolgreich-bekaempft-wie-taiwan-den-covid-19-ausbruch-verhinderte-und-die-who-davon-nichts-wissen-will/25613942.html https://www.swr.de/swr2/wissen/coronavirus-das-machen-suedkorea-und-taiwan-besser-als-wir-100.html
(4) Die letzte, die uns unmittelbar betraf, war AIDS. Viele sind unter elenden Umständen daran gestorben. Zuerst wurden sie auch noch verachtet. Sie sollten ausgegrenzt und in Lager gesperrt werden. Es hat viele Jahre gedauert, bis medizinische Erkenntnisse und Maßnahmen den Infizierten ein gutes Leben in Würde ermöglichten.
(5) Bei Tieren nennt man es dann Seuchen, bei Pflanzen Schädlinge. Sie gefährden möglicherweise die Ernährung der Menschen. Ihre explosionsartige Ausbreitung ist meist der Massentierhaltung bzw. dem Plantagenanbau geschuldet. Die Massentierhaltung gefährdet auch die Gesundheit der Menschheit. Der Ausbruch von Seuchen bei den in Massen gehaltenen Tieren wird durch ständige Gabe von Antibiotika-Mitteln  einstweilen im Zaum gehalten. Es entwickeln sich aber zunehmend gegen Antibiotika resistente Bakterien, die auch schon in Krankenhäusern auftauchen und dort Patienten gefährden bzw. töten. Springt von den Tieren einmal ein Krankheitserreger, der gegen Antibiotika resistent ist, auf die Menschen über, wäre das Problem einer dadurch ausgelösten Pandemie noch größer als die jetzige.

Für den Plantagenanbau werden für eine Reihe wichtiger Nutzpflanzen genmanipulierte Varianten  gezüchtet, die unempfindlich gegen Pestizide sind. Die Unkräuter werden dann mit Pestiziden wie Glyphosat bzw. Roundup klein gehalten. Es haben sich inzwischen Pestizid-resistente Unkräuter herausgemendelt. Die Erträge der Nutzpflanzen sinken daher trotz Einsatz von Pestiziden. Es ist seit 30 Jahren keinen Ersatz für dieses Unkrautvernichtungsmittel gefunden worden. Das Spritzen mit chemischen Mitteln gegen Schädlinge von Plantagenfrüchten gefährdet auch die Nützlinge wie Bienen und mindert so auf Dauer den Ernteerfolg. Auch in diesem für die Welternährung und-gesundheit wesentlichen Wirtschaftsbereichen dominieren die kurzfristigen auf den Kapitalertrag gerichteten Rahmenbedingungen einschließlich der Subventionen und nicht die Maßgaben, die Gesundheit und Ernährung nachhaltig zu schützen.

In einer vorherigen Version stand in dieser Fußnote ein falscher Satz. Der wohlmeinend kritische Leser Prof. em. Reinhard Bartolles hat mich freundlicherweise auf den Fehler hingewiesen, so dass ich diesen Teil meiner Aussage gerne korrigiere.
(6) Siehe Süddeutsche Zeitung vom 19.3.2020 S. 7
(7) In Italien sterben laut Reportage im Fernsehen (ARD 19.3.2020 Sondersendung ab 2015) durchaus auch junge Menschen. Die als Ältere bezeichneten sind um die 50 Jahre alt.
(8) Siehe ZDF info 18.3.2020 abends
(9) Dieses ist natürlich nur eine mögliche technische Variante. Eine andere wäre z.B. NFC Chips mit entsprechenden Informationen, die auf die Haut geklebt und periodisch neu programmiert werden.
(10) Mit genauer Lokalisierung von Colerafällen hat ein englischer Arzt in London die Quelle der Ansteckung gefunden. Das führte dann langfristig zu der Kanalisation und der Verlegung von Wasserleitungen, in denen sauberes Trinkwasser zu den in die Häuser gebracht wurde.
(11) Die Banca Monte dei Paschi di Siena Der italienische Staat rettete das Kreditinstitut 2016, das mittlerweile wieder als solvent gilt. Seit dem 25. Oktober 2017 wird die MPS-Aktie wieder an der Borsa Italiana gehandelt. Quelle Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Banca_Monte_dei_Paschi_di_Siena 22.3.2020
(12) Die Bremer Eisen- und Stahlhütte des Stahlkonzerns Arcelor-Mittal meldet laut Aufmacher im Weser-Kurier vom 20.3.2020 Kurzarbeit mit der Begründung Corona-Krise an, obwohl schon Wochen vorher immer wieder von sinkenden Absatzzahlen und der Einschränkung der Produktion gesprochen wurde.
(13) In Bremen hat der Besitzer des bekannten Kaffee-Stecker sogar eine Pandemie-Versicherung abgeschlossen. Um die – einschließlich des vollen Lohnes für seine Angestellten –von der Versicherung ausbezahlt zu bekommen, bräuchte er nach eigenen Angaben eine direkte Anweisung, seinen Laden zu schließen. Der Senat belässt es aber bisher bei der allgemeinen Verlautbarung. So geraten die Angestellten in Kurzarbeit und damit werden sie auf 60% ihres Lohnes gekürzt.
(14) WK vom 17.3.2020 S 15
(15) Das ist ähnlich wie mit der Deutschen Einheit: Dass die meisten Betriebe in den neuen Bundesländern hätten weiter produzieren können, wenn die DM nicht überstürzt eingeführt worden und sie nicht an westliche Konzerne verscherbelt worden wären kann man analysieren – aber der Fakt der Abwicklung wird damit nicht rückgängig gemacht.
(16) Laut Bericht in den Nachrichtensendungen „heute“ vom ZDF und „Tagesschau“ vom ARD übernehmen die Bundesländer Saarland, BW und Bayern kurzfristig einige an Coronavirusinfektion schwer Erkrankte aus Ostfrankreich, damit sie in Intensivpflegebetten in den Bundesländern behandelt werden. Die waren schon vorsorglich für die dortselbst anfallenden Kranken frei gemacht aber noch nicht belegt worden. Ob das aus Solidarität geschieht oder um die nun angemieteten Betten noch wirtschaftlich zu nutzen, kann man dahin gestellt sein lassen.
(17) Die EU Kommission weist darauf hin, der EU-Vertrag habe das Gesundheitswesen ausdrücklich nicht als europäische Gemeinschaftsaufgab definiert. Deswegen könne man auf dem Gebiet daher auch keine Zusammenarbeit erwarten. Aber in der Not sich so irrational abzuschotten widerspricht trotzdem dem Gemeinschaftsgeist diametral.
(18) Zum 250 Jahr der Geburt von Friedrich Hölderlin kann man sich seiner Zeile der abstrakten Hoffnung aus seiner Patmos Hymne erinnern „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Dies muss sich dann aber auf einen neuen, von unten kommenden Internationalismus beziehen, und nicht auf die sich selbst kompromittierende EU.

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